Sehen

Die richtige Richtung

Franco Bronson

Im Swingerclub  
zur Heiligen Schnecke  
sitzen mal wieder am Stammtisch  
Rudi, Jürgen und Karlchen.

Rudi lehnt sich breitbeinig zurück  
und spielt mit seiner Goldkette herum.

Jürgen nippt an seinem Bier  
und schiebt die Brille hoch.

Karlchen rutscht unruhig hin und her,  
fummelt heimlich unter dem Tisch  
mit den Fingern an seinem Schwanz  
und rollt ihn ein bisschen ein.  
Es ist kein richtiges Masturbieren,  
eher ein Rumspielen im wahrsten Sinne des Wortes.  
Ein Verlegenheitsherumspielen, um es genauer zu sagen.

Eine der Damen am Nachbartisch sieht das.  
Sie kommt heran und sagt:  
Na mein Schatz,  
das wäre doch ein gutes Stück,  
mit dem du was anderes machen könntest,  
als da selbst dran herumzuspielen.  
Dann dreht sie sich um  
und geht rüber auf die Spielwiese,  
zu den anderen Paaren.

Rudi grinst breit,  
macht eine ausladende Geste und sagt:  
Na mein Karlchen,  
das war doch eine Aufforderung,  
eine schriftliche sogar.  
Hinterher und besorg's ihr mal so richtig.

Karlchen zuckt mit der Schulter.  
Ach, das ist nicht ganz so mein Fall.  
Und bleibt sitzen.

In Wahrheit hat er einfach Angst,  
aber das könnte er vor den beiden anderen nicht zugeben,  
die es aber ohnehin wissen.  
Denn Karlchen geht nie auf die Spielwiese.  
Das heißt:  
Sie haben noch nie gesehen,  
dass Karlchen dort verschwunden ist.

Und so kommt beiden,  
indem sie sich anblicken und leicht nicken,  
die Idee,  
es sei an der Zeit,  
Karlchen seinen ersten Sex hier im Club erleben zu lassen.  
Karlchen muss schon eine Unmenge Geld  
an Eintritt, Getränken und Essen hier ausgegeben haben,  
ohne jemals einen anständigen Orgasmus bei einer Partnerin erlebt zu haben.

Jürgen schnaubt.  
Aber wie schickt man ihn jetzt auf die Spielwiese?  
Man kann ihn ja nicht hinschleppen,  
das würde ja ein bisschen merkwürdig aussehen.  
Und ihn in den Armen nehmen  
und mehr oder weniger hinüberkomplimentieren,  
so auf die freundschaftliche Art –  
das wollen beide auch nicht.

Rudi: Das wollen wir doch alle nicht.  
Als potenzielle Homos gelten?  
Auch wenn am Dienstagabend hier immer Bi-Tag ist  
und trotzdem alle kommen.  
Aber nein, das ginge zu weit.

Und da kommt Rudi eine Idee.  
Er grinsend zu Karlchen:  
Weißt du, Karlchen,  
da ist gerade so ein Paar nebenan,  
zwei Frauen, und die eine von denen – ich zitiere –  
steht auch gerne auf Männer.  
Die beiden haben sich sogar schon geeinigt:  
Einer von ihnen wird es gleich mit dir treiben,  
ob du es willst oder nicht.

Karlchen rutscht noch unruhiger hin und her.

Und du kannst entscheiden –  
die männliche Frau oder die weibliche Frau?  
Aber drumherum kommst du nicht ran.

Was soll man sagen:  
Diese leichte Drohung wirkt Wunder.  
Karlchen steht auf,  
blickt ein bisschen irritiert und sagt:  
Dann gehe ich mal rüber  
und schaue, was auf der Spielwiese so los ist.

Beide grinsen und wissen:  
Er wird nur so tun, als ob.

Aber wer weiß –  
manchmal ist so ein kleiner Schritt  
doch ein Schritt in die richtige Richtung.

Zugriffe gesamt: 23