Sehen
Die Rückkehr
Sie verließ ihn eines Nachmittags im Spätsommer.
Nicht mit großem Drama,
keiner Türknallerei,
einfach mit einem Koffer
und einem Post-it am Kühlschrank.
„Ich langweile mich nur zu Tode“,
stand darauf,
daneben das Foto aus Mallorca,
auf dem er mit Bierbauch
und Sonnenbrand grinste.
Der Sex mit ihm war in den letzten Jahren
wie eine Steuererklärung geworden:
korrekt,
vorhersehbar,
ein bisschen lästig.
Immer das gleiche „Schatz“
beim Eindringen,
als müsste er sich dafür entschuldigen,
dass er da war.
Die Klitoris behandelte er
wie einen Lichtschalter –
einmal kurz drücken
und hoffen,
dass das Licht angeht.
Kaum war er gekommen,
drehte er sich um
und schlief ein.
Sie lag dann wach, starrte an die Decke
und fragte sich,
wann das alles so fad geworden war.
Sechs Wochen später
stand sie wieder vor seiner Tür.
Den gleichen Koffer in der Hand.
Die anderen Männer hatten sich als keine Verbesserung erwiesen.
Der erste leckte, als müsste er eine Wettschuld einlösen –
mechanisch,
eifrig,
aber ohne jede Freude.
Der zweite versuchte es mit Dirty Talk,
der so schlecht war,
dass sie fast gelacht hätte.
„Ich ramme dich jetzt durch, Baby“,
oder so ähnlich.
Der dritte war eigentlich ganz gut im Bett,
nur dass Analsex sein Signature Move geworden war.
Als wäre das der Pflichtteil,
den man abhaken musste.
Nach dem dritten Mal
hatte sie genug.
Sie wollte keinen Experimentierkasten,
sie wollte einfach nur guten,
normalen Sex.
Und Brötchen am Sonntagmorgen.
Also klingelte sie.
Er öffnete in Boxershorts,
die Haare noch vom Schlafen zerzaust.
Sie schob den Mantel auseinander.
Darunter trug sie das rote Negligé,
das er ihr vor drei Jahren geschenkt hatte
und das seitdem im Schrank gelegen hatte.
„Vögel mich nicht, als wäre es eine Pflichtübung“,
sagte sie statt einer Begrüßung.
Dann drückte sie ihn gegen die Wand im Flur.
Kein „Schatz“. Kein Zögern.
Sie biss ihm in die Schulter,
er stöhnte auf,
etwas lauter als früher.
Die Wand war kalt an ihrem Rücken,
seine Hände endlich mal nicht vorsichtig.
Es ging schnell und heftig
und ohne die übliche Choreografie.
Danach lagen sie im Bett,
rauchten eine Zigarette,
die sie sich teilten.
Sie stellte ihre Bedingungen.
Er müsse endlich lernen,
wo die Klitoris wirklich sitzt.
Und er solle aufhören,
sich jedes Mal zu entschuldigen,
wenn er kam.
Er nickte, feierlich fast,
als würde er einen Vertrag unterschreiben.
Am nächsten Morgen holte er frische Brötchen.
Der Kaffee schmeckte besser
als in den Wochen davor.
Sein Blick hatte etwas Neues,
etwas Waches.
Die Trennung war wie eine Generalprobe gewesen.
Eine kurze, unangenehme Pause,
in der beide merkten,
dass der Alltag mit dem anderen
immer noch besser war
als das Neue mit Fremden.
Jetzt gab es mehr Schmackes.
Nicht perfekt.
Aber wenigstens nicht mehr langweilig.
Manchmal, wenn sie später daran dachte,
kam ihr der Gedanke,
dass genau diese paar Wochen Abstand
nötig gewesen waren,
um wieder Lust aufeinander zu haben.
Ob das lange halten würde,
wusste keiner von ihnen.
Aber an diesem Morgen,
mit den Brötchen
und dem neuen Blick,
reichte es erst mal vollkommen aus.