Sehen
Die Tochter des Generalmajors
Er betritt mit einem Gefühl
der Beklommenheit ihr Schlafzimmer.
Es ist abgedunkelt
und er sieht nur ihren Kopf
mit ihren dunklen Augen
schemenhaft unter der Bettdecke
auf ihn gerichtet.
Noch einen Schritt,
und so steht er direkt
vor ihrem Bett.
Ihm gehen die letzten 24 Stunden
im Kopf herum,
mit all dem was er mit ihr
durchgemacht hat.
Er, der schöne junge Leutnant Prack,
der ***Garde,
Vorzeigeoffizier des Generalmajors Frankenberg,
dessen Tochter Angela
sich unsterblich in ihn verliebt hat,
steht jetzt unschlüssig
im Halbdunkel.
Auf dem gestrigen Offiziersball
hatte Angela
in einem Vorzimmer des großen Salons,
ihn zu sich herabgezogen
und leidenschaftlich geküßt.
Er war so überrascht
von einer solchen Handlung
eines jungen Mädchens
von 17 Jahren,
daß er sie nicht nur gewähren ließ,
sondern sie wie hypnotisiert
auch noch an sich gedrückt
und den Kuß genüßlich ausgekostet hatte.
Das war eine Handlung
von wenigen Augenblicken.
Angela hatte ihn dann angefleht
mit ihm zu tanzen,
was er ohne weitere Bedenken
dann auch tat.
Die Augen aller Ballgäste und Tänzer
waren wie gebannt
auf ihn und Angela gerichtet,
wie sie als so ungleiches Paar
über die Tanzfläche schwebten.
Er, der schöne Leutnant von 38 Jahren,
und sie,
die 17jährige unschöne Tochter
des Generalmajors Frankenberg.
Angela war wirklich
geradezu unhübsch zu nennen.
Klein und etwas pummelig,
und mit einem Gesicht,
das keinen weiblichen Ausdruck ausstrahlte,
sondern einen wahrhaft burschikosen.
Darin lag die Tragik.
Denn Leutnant Prack
hatte durchaus etwas für Angela übrig.
Er fand ihren Charme,
ihren Humor,
ihre individuelle weibliche Art,
herzerfrischend –,
im Gegensatz zu den jungen Mädchen und Frauen
dieses ausgehenden 19. Jahrhunderts –,
die ihn in ihren selbsteitlen Koketterien
irgendwie alle gleich dünkten.
Angela war einfach ein Mädchen,
das ihr Leben und ihre Handlungen
selbst bestimmte.
Doch im Hier und Jetzt –
vor ihrem Bett,
in ihrem Schlafzimmer,
in den sie ihn bittend und flehend
gebeten hatte,
wird ihm –,
als er ihre dunklen Augen
auf sich gerichtet sieht,
ganz weich ums Herz.
Was seit dem Ball gewesen ist,
zieht in einem Moment
noch einmal an ihm vorüber,
und seine Gefühle Angela gegenüber
sind sich so unsicher
wie noch nie.
Sie öffnet ihre Lippen,
das kann er genau sehen:
„Ich habe ein Geschenk für dich…!“
Diese Worte von ihr
machen ihn stutzig.
Und indem sie die Bettdecke
von sich zieht
und vor ihm nackt daliegt,
vervollständigt sie
im selben Augenblick
den zweiten Teil des Satzes:
„…ich schenk Dir mich!“