Sehen

die unbestreitbaren Vorzüge von Trauerfeiern

Charles Haiku

Die Vorzüge einer Trauerfeier –
eine Entdeckung, die mich bis heute nicht loslässt.

Man steht da in schwarzem Zwirn,
das Gesicht passend verkniffen,
und plötzlich riecht es
nicht nur nach Lilien und feuchter Erde,
sondern auch nach Gelegenheit.

Die Witwe –
noch gestern die brave Ehefrau,
die den Gatten pflegte,
wenn er sabbernd im Sessel hing –
trägt heute ein Kleid,
das zwei Knöpfe zu weit offen ist.
Nicht aus Versehen.

Der Tod macht sie frei,
und der Sekt macht sie mutig.

Während der Pfarrer von „Ruhe in Frieden“ faselt,
kreisen ihre Blicke schon durch die Trauergemeinde
wie ein Hai im seichten Wasser.

Sie sucht nicht Trost,
sie sucht Ersatz.
Und zwar sofort.

Der alte Sack liegt endlich kalt und steif in der Kiste,
sechs Fuß unter der Rasenfläche,
wo er niemandem mehr im Weg ist –
vor allem nicht zwischen ihren Beinen.

Endlich darf sie wieder legal fremde Schwänze lutschen,
ohne dass die Nachbarin tuschelt.
Der Trauring sitzt plötzlich locker,
als wollte er selbst abhauen.

Drei Gläser Sekt,
und die Tränen trocknen schneller als billiger Nagellack.

Die Wangen glühen,
die Stimme wird rauchig.

„Er war ein guter Mann“,
flüstert sie dir ins Ohr,
während ihre Hand schon prüfend über deinen Hosenstall streicht.

Guter Mann?
Klar, jetzt darf er gut sein.
Tot ist er jedenfalls besser als lebendig –
zumindest für sie.
Und für dich.

Später, im Gemeindesaal,
zwischen Buttercremetorte und Filterkaffee,
verschwindet sie mit dir auf der Behindertentoilette.

Rock hoch, Slip in der Handtasche,
Kondolenzkarte noch in der anderen.

„Endlich wieder leben“,
stöhnt sie,
während sie dich rückwärts gegen das Waschbecken drückt.

Du spürst den kalten Porzellanrand im Kreuz
und denkst:
Der Alte dreht sich im Grab um –
und zwar vor Neid.

Trauerfeiern sind die besten Single-Partys der Republik.

Kein Smalltalk über Beruf oder Hobbys.
Hier weiß jede Witwe genau, was sie will:
einen warmen Körper, der noch atmet.

Und du musst nicht mal besonders originell sein.
Ein „Mein herzliches Beileid“ genügt,
schon bist du im Rennen.

Fazit:
Wer richtig trauert, trauert nicht lange.

Der Sarg ist kaum in der Erde,
da liegt sie schon wieder quer.
Und du mittendrin.

Prost, auf den Toten –
er hat’s möglich gemacht.

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