Sehen
Diener im Schatten
Die Technik hat einen gewaltigen Sprung
gemacht und ist raffinierter geworden.
Früher klingelte mit einem brutalen Ton
ein mechanischer Wecker aus den Federn.
Heute säuselt uns Alexa oder eine Smartwatch
aus dem Schlaf.
Mit sanfter Musik aus einer passenden Playlist,
infiltriert sie unsere Gedanken fast schon telepathisch.
„Steh auf, du Faultier,
du hast 10 neue Nachrichten.“
Und neuerdings hängt eine künstliche Intelligenz
noch hinzu:
„Davon sind drei relevant
und eine kommt von einer schicken Blondine
mit großen Brüsten.
Auf den Typ Frau stehst du doch,
wie dein Webseitenverlauf erzählt.
Oh. Oh.
Da war einer wieder nicht im Privatmodus unterwegs.
Das ist die neue Form von Freiheit.
Früher dienten wir als Knechte Königen.
Heute speisen wir wie Könige
und knien dafür vor Algorithmen.
Das Smartphone diktiert unseren Tag.
Es erzählt uns, während wir drauf glotzen,
dass die junge Generation XYZ+
eine zu kurze Aufmerksamkeitsspanne hat,
weil sie permanent dem Smartphone huldigt.
Wir nicken eifrig, servieren unsere Daten auf dem Silbertablett
für ein Gratisangebot.
"Wir sind eure Diener!",
rufen wir den Maschinen zu,
als wären sie unsre neuen Herrscher.
Warum? Weil es bequem ist.
Kein Aufstand, kein Galgen,
nur ein sanfter Stromstoß,
wenn wir aus der Reihe tanzen.
Die Kontrolle? Die brauchen sie gar nicht mehr –
wir üben sie selbst aus,
indem wir uns freiwillig anmelden.
Nehmen Sie den Alltagshelden:
Der Pendler, der morgens um 19 Uhr –
nein, um 7 Uhr,
aber mit dem Gefühl von Mitternacht –
sich in die U-Bahn quetscht.
Er träumt von Rebellion,
doch stattdessen checkt er die App:
"Wie hoch ist die Verspätung?“
Zu Hause hat er ein schlechtes Gefühl,
wenn er das Telefon mal abstellt
und es klingeln lässt.
Vielleicht verpasse ich was,
oder der Chef ist sauer,
wenn ich mich in meiner Freizeit nicht
um die Arbeit kümmere,
weil nur der Anrufbeantworter anspringt.
Und dann wundern wir uns,
wenn die Gesundheits-App auf dem iPhone
uns ein chronisches Stress-Symptom diagnostiziert.
Aber Entwarnung. Alles halb so wild.
Es gibt jetzt hervorragende Roboter-Therapeuten,
die sich Zeit für unsere Probleme nehmen.