Sehen
Dies ist ein falsches Bild
Du siehst das Foto
und denkst sofort: Igitt.
Zwei Männer, nackt, eng umschlungen,
einer kniet,
der andere hat die Hand genau da,
wo bei dir sofort die homophobe Sirene losheult.
Das Bild ist alt, leicht vergilbt,
die Farben verblasst,
aber die Geste ist klar.
Und dein Magen zieht sich zusammen
wie damals,
als dich dein bester Freund in der Umkleide nach dem Sport
versehentlich mit dem Handtuch am Arsch erwischte
und du drei Tage lang nicht mehr wusstest,
wie du ihn noch ansehen kannst.
Das Bild trügt.
Denn das ist nicht irgendwer.
Das bist du.
Und der Mann hinter dir
ist nicht irgendein Fremder.
Das ist deine Frau.
Vor fünfzehn Jahren,
an einem Karnevalssonntag,
als sie sich einen falschen Schnauzbart angeklebt,
dir einen Strap-On umgeschnallt
und gesagt hat:
„Heute bist du mal die Braut.“
Du hast gelacht, bis dir die Tränen kamen,
und dann hast du gebettelt, dass sie weitermacht.
Du hast Dinge geflüstert,
die du deinem Spiegelbild nie erzählen würdest.
Du hast geschrien wie ein Tier,
und als du gekommen bist,
war es, als würde dein ganzer Körper explodieren
und gleichzeitig nach Hause kommen.
Am nächsten Morgen habt ihr das Foto gemacht.
Als Spaß.
Als Beweis,
dass Liebe manchmal genau da am schönsten ist,
wo die Angst am lautesten schreit.
Du hast das Bild sofort versteckt.
In einem Ordner namens „Steuer 2009“,
ganz unten,
hinter den Belegen für eine Spende ans Tierheim.
Denn wenn jemand das je sehen würde –
deine Kollegen, deine Kumpels, deine Mutter –,
dann wärst du erledigt.
Dann wüssten alle,
dass du nicht nur in sie,
sondern auch von ihr genommen wirst.
Dass du manchmal derjenige bist,
der die Beine breit macht.
Dass du es liebst.
Und dass genau das der Grund ist,
warum du sie immer noch so ansiehst,
als wäre sie das einzige Wunder auf Erden.
Heute liegt das Bild wieder vor dir.
Weil sie es gestern rausgekramt hat.
„Weißt du noch?“, hat sie gefragt
und gelächelt,
dieses Lächeln, das sagt:
Ich kenne dich besser als du dich selbst.
Du schaust hin.
Und plötzlich ist da keine Scham mehr.
Nur Erinnerung.
An den Moment,
in dem du aufgehört hast, dich zu verstecken.
An den Moment,
in dem du verstanden hast:
Echte Männlichkeit hat nichts mit der Richtung zu tun,
in die man kommt –
sondern damit, dass man kommt,
ohne sich danach zu hassen.
Du streichelst über das vergilbte Papier.
Und denkst:
Morgen zeige ich es vielleicht meinem Sohn.
Nicht als Schock.
Sondern als Beweis.
Denn wo Liebe ist,
da schwindet die Hässlichkeit.
Selbst wenn sie aussieht
wie ein falsches Bild von gestern.