Sehen

Dieser intensiv schmeckende Geschmack dieser wulstigen Lippen

Ferdinand Freiherr von der Ferne

Wie es mit ihm war,
so war es nicht mit ihr.
Stark, so zeigte sie sich –,
stark nicht nur ihm gegenüber.
Aber war sie wirklich stark?
Ihre Stärke und ihre Dominanz,
die sie ausstrahlte, ausstrahlte und lebte?

Er war bestrebt sich heranzutasten,
vorzudringen, ja einzudringen
in ihr Innenleben.
Doch er sah, daß dazu
ein gewaltiges Stück Selbstaufgabe
hinzunehmen wäre.
Spürte er nicht wie weit
es ihn bisher schon gebracht hatte?
Was konnte er ihr bieten?
Nur seinen Vorrat an Liebesenergie,
die er zu geben bereit war;
und die Sehnsucht, das Verlangen,
mit ihr in einen erotischen Gleichklang
zu kommen.

Tief eingetaucht, in diese Sphäre
von Gedanken und Gegebenheiten,
lag er auf seinem Bett,
schaute an die schneeweiße Decke,
und spürte den Übergang
von der wachen Wahrnehmung,
hinüber zum Bereich des ermüdenden
allmählichen Einschlafens…

Wie ein Opfer, liegt er da,
auf dem Rücken, weich,
auf einem dicken Teppich;
die Hände über seinen Kopf
fest verschnürt an den Bettpfosten,
die er nicht sieht –,
nur das Bewußtsein dafür,
daß nicht im Bett das geschieht
was geschehen soll,
sondern hier unten auf dem Teppich –;
und daß SIE da ist,
sich ihm bemächtigt,
auf ihm sitzend.

Beide gänzlich unbekleidet,
beide warmschwitzend.
Ihr Gesicht, nah an dem seinen,
sehr nah –,
und so küßt sie ihn
auf den Mund –,
und dann –
ihr Kopf ein Stück zurück,
lacht sie ihm ins Gesicht,
und spuckt, spuckt ihm ins Gesicht!
Beugt sich wieder herunter,
und leckt mit der Zunge
ihre Spucke verteilend,
wild über sein Gesicht.

Seine Augen schließen sich von selbst –
bis sie innehält,
sich über ihn aufrichtet
und ihm mit flacher Hand,
rechts und links ins Gesicht schlägt.
Seine heiß werdenden Wangen
machen ihn rasend,
rasend vor Verlangen –
sie möge, gleich wie… –
an ihm vornehmen,
was ihm Erleichterung verschafft!

Doch nichts davon –, er muß zulassen,
daß sie weiterhin ihren gespreizten Schoß
auf seine zunehmende Erektion
niedergedrückt –;
hiernach ihn aber erhebt,
um sich, mit diesem geöffneten Schoß,
der triefnaß, und warm –
sich niederläßt auf sein Gesicht –,
und sich eindrückt,
bis es ihm wehtut!

Dieser intensiv schmeckende Geschmack
dieser wulstigen Lippen,
dringt tief in seine Nase
und bereitet seinen Lippen
einen absonderlichen Durst –;
ihm bleibt kaum die Möglichkeit
zu atmen.
Er ringt nach Luft
wie ein Ertrinkender,
hört, wie sie über ihm lacht,
laut, und sich nur noch fester reibt,
mit ihrem offenen Schoß
auf seinem Gesicht –
bis er sich ruckartig aufrichtend... –
umschaute, hochschaute –
wieder an diese schneeweiße Decke –
und dann erst gewahrte,
daß sich seine Erektion entladen hatte –
und langsam, sehr langsam,
zu erschlaffen begann.

Er stieg träge vom Bett
und ging hinüber ins Bad.
Sein Spiegelbild zeigte Verunsicherung.

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