Sehen
Draußen
Sonntags flirrt die Luft
und es ist heller.
Die Dicke des Hausinneren
liegt hinter mir
und meine Freundin und ich
haben ein Ziel.
Wir stehen am Ortsende
auf dem versprechenden Straßenband,
grauer Teer,
leer.
Aber schon hören wir
in der Ferne Motorengeräusch,
ein fahrendes Etwas nähert sich
und wir betteln um Mitnahme,
mit hochgerecktem Daumen
an der ausgestreckten Hand.
Es fährt vorbei es fährt vorbei
nein wir hören quietschende Bremsen
und rennen nach vorn
zur aufgestoßenen Beifahrertür.
„Zur Röderheide bitte.“
Ein suffisant lächelnder alter Mann
oder mit Glück zwei junge Männer
wir steigen ein
und los geht’s.
Nur zwei Kilometer weiter
erwartet uns die Welt.
Ein Stückchen den Berg hinauf,
schnell zu dem flachen Gebäude,
in dem es um 14 Uhr Nacht wird.
Alle Rolläden heruntergelassen,
Musik von Barry White
und zwei Quadratmeter eingezäunte Tanzfläche.
Ich bin 13 und liebe die Hand von Carmine,
die sich sanft
aber nachdrücklich
zwischen meinen Hosenbund
und mein T-Shirt schiebt.
Dabei tut sein Gesicht
einen Kopf über mir
so als ginge ihn seine Hand nichts an,
er grinst mich an
und lächelt
und ich spiele das Lieblingsspiel
Handwegschieben
und sich auf ihr Wiederkommen freuen.
Italienische Gastarbeiter Jungs
aus dem nahen Buderus Standort,
wo sie Feinmechaniker
und ähnliches lernen
und mir einmal
ein selbst geschweißtes Kunstwerk mitbringen.
Carmine, Michele,
Giuseppe,
Pelizzi.
Sie haben den unsichtbaren deutschen Jungs
etwas voraus –
sie ermöglichen uns das Nein-Sagen,
denn sie verlangen das Ja,
immer wieder
und auch nach vielen Neins,
ein Spiel,
bei dem ich langsam schmilze
ebenso wie mein Schuldgefühl.
Mama steht zu Hause am Herd
im Dunkeln
ihr Name ist Sorge
und wenn sie wüsste
aber mein Name ist Leben
und Testosteron
und dichte kräuselnde schwarze Haare
auf der Tanzfläche über mir,
„Angie“ im Ohr
und das Kitzeln des Abenteuers.
Vier Stunden lang Finger am Rücken
leise streichelnd
aber doch begehrlich,
um 18 Uhr
grüßt der Ernst des Lebens.
Petting möchte Carmine,
seine Finger suchen herum
er wird ja wissen was er tut
schließlich ist er 17,
mir gefiel das Tanzen besser.
Je tiefer sein Finger in mich dringt
desto mehr halte ich den Atem an
und habe schließlich das Problem
unauffällig wieder auszuatmen,
vorbei an Carmines Ohr
sein Kopf an meinem.
Scheiße wie lang geht das jetzt noch
da kommt meine Freundin Elke
in die Ecke neben der Treppe.
Komm wir können mir Ronnie fahren
Sorry Carmine,
schnell weg.
Und am nächsten Sonntag
geht es wieder von vorne los.