Sehen
Dreißigster Brief an Tobias
Mein lieber Tobias,
es ist weit nach Mitternacht
und ich liege wach.
Die Nachttischlampe
wirft einen engen Kreis Licht,
Anton neben mir
schläft tief und fest
und schnarcht,
dass sich die Balken biegen.
Man merkt, er hat keine Sorgen
auf der Welt.
Schnarchen als Zeichen mentaler Stärke.
Ich bin dafür umso mehr gebeutelt.
Nicht nur sein Schnarchen,
das mich nicht einschlafen lässt,
sondern auch der Gedanke an dich.
Und ich muss dir gestehen,
du tust mir leid.
Wenn ich deiner Liebe entsprechen wollte,
würde es nicht zu viel Mühe kosten.
Und Mühe ist ein Gefühl,
das bedeutet,
dass ich irgendetwas unterdrücke.
Die Frage ist, was unterdrücke ich?
Ist es die Ablehnung an meinen Mann,
die ich trotzdem nicht vollziehe?
Aber Ablehnung ist kein Grund
für eine Trennung.
Das klingt paradox und vielleicht auch nicht nachvollziehbar.
Auch in der Ablehnung
kann Stabilität liegen
und so sehr das Neue reizt,
kenne ich doch das Leben gut genug,
um zu wissen,
dass das Neue nur im Nichtausgelebten
neu und spannend ist.
Die Möglichkeit der nicht gelebten Alternative
gibt Gefühlen Nahrung.
Sobald ich oder du ihnen nachgäben,
wäre das Mysterium verschwunden.
Willst du Anton sein?
Willst du schnarchend neben mir liegen,
während ich Briefe an einen Dritten schreibe?
Natürlich nicht.
Und so bleibt es dabei.
Er schnarcht, die Lampe brennt,
ich schreibe
und die Gedanken kreisen permanent
um dieselbe Angelegenheit.
Aber nein, ich kann deinen Avancen nicht entsprechen.
Und ich versuche immer wieder,
es dir klarzumachen,
warum es nicht geht.
Da ist ein ganzer Kosmos,
den ich zerreißen müsste,
der sich aber nicht zerreißen lässt.
Auch nicht mit viel Mühe.
Und dann sind wir wieder
an dem Punkt der Mühe,
den ich vorhin schon erwähnt habe.
Nein, mach dir keine Hoffnungen,
ich mache mir ja selbst auch keine.
Aber ich wünsche mir,
dass ich langsam den Schlaf finde,
den ich benötige.
Und ich hoffe, du kannst ihn auch finden.
Es grüßt dich, deine Loretta.