Sehen

Dreiunddreißigster Brief an Tobias

Loretta Baum

Lieber Tobias,

ich stehe am Küchentisch
und arrangiere
einen Blumenstrauß,
den ich mir selbst
gekauft habe.

Anton kauft mir leider
keine Blumensträuße
und du weißt,
Frauen lieben Blumen
und Frauen lieben Männer,
die ihnen Blumen ungefragt
mitbringen.

Es ist ein Unterschied,
ob der Mann die Blumen
mitbringt,
nachdem man ihn dazu
genötigt hat,
oder ob das ein spontaner Akt ist,
der aus seinem Inneren kommt.

Wie gesagt, ich bevorzuge diese Männer
und bin leider nicht
mit einem solchen gesegnet.

Ich schneide die Stiele an,
damit sie länger frisch bleiben.

Anton kommentiert es
mit seiner Philosophen-Sicht
und sagt nur,
dass dies vergängliche Schönheit sei
und somit typisch weiblich.

Ich finde diesen Ausspruch
sehr diskriminierend.

Nicht nur wird einem
vor Augen geführt,
dass man als Frau
schnell verblüht,
sondern auch,
dass man auf Schönheit
reduziert wird.

Etwas, worauf ich ganz und gar
allergisch reagiere.

Und ich glaube, dies ist auch einer der Punkte,
den ich Anton am übelsten nehme.

So sehr wie er sich einerseits
nichts aus meiner Schönheit macht,
so sehr betont er andererseits
genau dies.

Wahrscheinlich aus der Erkenntnis
oder Vermutung,
dass dies mein schwächster Punkt ist.

Und er möchte mich an meinem schwächsten Punkt treffen.

Dass es nun die Schönheit ist,
ist ein anderer Punkt
und für ihn nicht relevant.

Für ihn ist relevant,
wo hat der andere seine Schwäche.

Und ja, ich muss gestehen,
Schönheit ist für mich
in der Tat etwas Wichtiges.

Es ist nichts, was eine Person als solche kennzeichnet
oder als alleiniges Merkmal
ausweisen sollte,
aber Schönheit insgesamt
ist ein Konzept,
das die Seele erheitert
und erfreut,
ins Positive zieht.

Und dabei muss ich dich
ein bisschen tadeln,
denn du schreibst mir,
dass du krank bist.

Nun fürs Kranksein kann ich dich nicht tadeln,
aber dafür,
dass du mir eventuell
unter den Fingern wegstirbst.

Unterstehe dich, deine Krankheit so auszukosten
und auszureizen,
dass ich am Ende
an deinem Grabstein stehen muss.

Nein, mein lieber Tobias,
so haben wir nicht gewettet.

Also ich flehe dich an,
werde flugs gesund,
damit du mir noch lang
erhalten bleibst,
länger als die Blumen,
die ich jetzt an dich denkend
in die Vase stelle.

Es grüßt dich, deine Loretta.

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