Sehen

Dreiundfünfzigster Brief an Tobias

Loretta Baum

Mein lieber Tobias,

ich sitze in der Küche
und backe mir einen Kuchen.

Ich backe ihn für mich
ganz alleine.

Und ich gebe zu, dass das ein bisschen
nach Geiz aussieht
oder nach Selbstliebe —
einen Kuchen ganz für mich alleine zu backen.

Weder dir, noch meinem Mann,
noch den Nachbarn
oder irgendwelchen Gästen.

Sondern dass ich diesen Kuchen
still, leise und heimlich
alleine essen werde.

Jeden Krümel werde ich
in mich hineinstopfen.

Ich glaube aber auch,
dass das nur eine Übersprungshandlung ist,
um mein eigenes Selbst damit zu füllen.

Vielleicht auch als eine Entschuldigung
an mich selbst,
dass ich im letzten Brief
dich gebeten habe,
mich nie wieder zu sehen.

Abstand von mir zu nehmen.

Aber du musst meine Situation verstehen.
Es ist sehr komplex.

Es ist nicht nur der soziale Ruf,
der Schaden nehmen würde,
sowohl von mir als auch von Anton.

Vielleicht mag es in der heutigen Zeit
problemlos erscheinen,
wenn man sich trennt.

Aber in Wahrheit ist es nicht so.

Eine Frau wie ich muss auch an den Tag danach denken.

Und meine Ehe mit Anton
fußt auch auf einem finanziellen Arrangement,
das uns beiden dient.

Eine Zerstörung dieses Fundamentes
würde mich in die gesellschaftliche Bedeutungslosigkeit werfen.

Und ich wüsste nicht,
ob du jemand wärst,
der für den Rest seines Lebens
sich an mich zu binden gedenkt.

Denn wenn ich Anton verrate,
könnte ich ja auch dich verraten.

Ich glaube, das ist etwas,
was dir vielleicht gar nicht bewusst ist,
aber im Unterbewusstsein wahrscheinlich doch.

Trennung hat immer etwas mit Verrat zu tun.

Und welcher Mann möchte denn selbst irgendwann verraten werden?

Das ist ein komplizierter Punkt
und ich bin für eine Frau an diesem Punkt
sehr rational,
vielleicht fast schon zu männlich denkend.

Was sind deine Schwüre wert,
wenn sie nach zwei Jahren
durch eine andere Frau ersetzt werden,
von der du glaubst,
dass sie besser zu dir passt?

Nein, das ist ein Experiment,
was wir beide doch eher scheuen sollten.

Und gleichzeitig weiß ich,
dass das Finanzielle das eine ist,
sehr gewichtig,
aber die Emotion etwas anderes.

Sie ist die Kehrseite der Medaille,
die genauso schwer wiegt.

Und so muss man sich entscheiden
zwischen Emotion
und dem finanziellen Ausblick auf die Zukunft.

Und das ist etwas, was mich fast zerreißt
und das ich diesen Kuchen ganz in mich zu füllen gedenke,
weil ich weiß,
dass in diesem Augenblick
ich nur an mich selbst denken muss,
wenn ich jeden Krümel verschlinge.

Vielleicht kannst du das nachvollziehen,
deine Loretta.

Zugriffe gesamt: 6