Sehen
Dreiundsechzigster Brief an Tobias
Mein lieber Tobias,
ich sitze auf dem Teppich,
umgeben von vielen alten Frauenzeitschriften.
In den letzten fünf Jahren
haben sich eine Menge Exemplare angesammelt
und auch wenn heutzutage viele
im Internet auf irgendwelchen Webseiten
oder auf Facebook
oder auf Instagram herumsurfen
oder ein E-Book-Reader nehmen und lesen,
ich bevorzuge immer noch
die gute alte Butte Illustrierte für Frauen.
Du glaubst gar nicht,
wie schön es ist,
da drin zu blättern,
in Artikeln,
die drei Jahre alt sind
und dir die neuste Diät versprechen
oder irgendwelche anderen Zeitgeist-Artikelchen,
die sich vielleicht schon komplett überlebt haben.
Aber garniert sind sie
mit wunderschönen Fotos
und dann sitze ich da,
nehme eine Schere
und schneide die Bilder aus
oder kleine Artikel,
von denen ich meine,
dass ich sie in ein kleines Buch kleben könnte.
Fast so wie ein Poesiealbum.
Ja, ich bin,
und das muss ich bekennen,
eine durch und durch analoge Person.
Ich bin, ja, ich möchte sagen,
sehr konservativ
und konservativ bin ich auch in Beziehungsdingen
und ich habe so langsam das Gefühl,
dass du von mir mehr erwartest,
als ich geben kann.
Ich kenne die Männer,
ich kenne die Beziehungen
und ich weiß,
was am Ende lauert.
Das klingt alles hart,
aber ich meine es nicht so hart.
Ich meine es nicht böse.
Ich meine es nur ernst
und ich habe ein wunderbar feines Gespür
für die Dinge,
die man nicht sieht.
Und ich sage es dir ein für allemal,
damit wir es hinter uns haben,
die Bedingungen in dem,
was zwischen uns ist,
bestimme ich.
Ich bestimme sie nicht aus Eitelkeit,
sondern weil ich die Konsequenzen kenne,
die du noch nicht kennst.
Und wenn du das als Lieblosigkeit deutest,
dann hast du mich nicht verstanden.
Das ist keine Lieblosigkeit.
Das ist die einzige Art,
wie ich in der Lage bin,
die Beziehung zu dir aufrecht zu erhalten.
Nimm es oder lass es.
Und ich denke, das ist fair
und Fairness ist mir wichtig,
auch wenn ich vielleicht nicht diesen Eindruck auf dich mache.
Und noch etwas, ich bemerke Dinge,
die man mir nicht verschweigt.
Das ist keine Drohung
und keine Übertreibung.
Es ist eine Eigenschaft,
die ich habe
und die du kennen solltest.
Nicht, weil ich dir misstraue,
sondern damit du weißt,
mit wem du es zu tun hast.
Ich erwarte von dir,
dass du mir sagst,
wenn sich etwas ändert,
und zwar bevor ich es bemerke.
Das ist alles, was ich verlange.
Ich hoffe,
du verstehst,
was ich meine.
In diesem Sinne, es grüßt dich,
deine Loretta.