Sehen

Dreiundvierzigster Brief an Tobias

Loretta Baum

Tobias,

ich sitze hier
im Sessel mit Kopfhörern,
um mich von dieser Welt
ein bisschen abzuschotten.

Ich höre dabei leise
klassische Musik,
die meine Nerven beruhigt
und stricke weiter
an dem Schal,
eine Arbeit,
die meinen Puls beruhigt.
Reine Nervenarbeit.

Und ich komme aber nicht umhin,
du merkst es wahrscheinlich
an meinem Ton,
dich zu tadeln
und dir meine Empörung
mitzuteilen.

Du hast doch die Frechheit
und Unverfrorenheit gehabt,
zum Bowlingspielen
eine ehemalige Geliebte
mitzubringen
und dann auch noch
dich köstlich mit ihr
zu amüsieren.

Du hast mich noch nicht mal
angeschaut
und wenn ich dich angeschaut habe,
hast du es nicht gewagt,
zurückzuschauen
und meinen Blick zu erwidern.
Du bist ausgewichen.

Muss ich mir da Sorgen machen,
mein lieber Tobias?

Und mein Lieber ist jetzt nicht gerade
freundlich gemeint.

Ich hoffe, du kannst auch im Briefe
die leichte Schärfe vernehmen,
die ich in dieses ‚mein Lieber'
gerade hineingelegt habe.

Das, was du da begangen hast,
ist Verrat, Tobias,
Verrat.

Und Verrat ist das Letzte,
was ich akzeptiere
oder für würdig empfinde.

Gerade wenn jemand wie du
eine Beziehung zu mir anstrebt,
dann mich zu verraten, Tobias,
das ist keine Kleinigkeit,
das ist kein Kavaliersdelikt.

Ich habe alles genau beobachtet,
wie du dich verhalten hast.

Ist das die Ehrenhaftigkeit,
die du mir immer erzählst,
die dir vorschwebt
einer Frau gegenüber?

Du verlangst von mir,
dass ich meinen Mann verraten soll?

Und ich erkläre dir immer wieder,
dass Verrat etwas ist,
was sehr genau kalkuliert werden muss.

Das Gewissen muss rein sein,
wenn man einen partnerschaftlichen Verrat begeht.

Und ich frage mich,
ist dein Gewissen rein,
mich zu verraten?

Okay, du kannst vielleicht sagen,
wir haben ja gar keine Beziehung.

Dann frage ich mich immer heftiger,
was dein ganzes Herumscharwenzeln
in Briefen an mich
eigentlich bedeutet.

Oder war das nur ein simpler Trick,
um mich eifersüchtig zu machen?

Wenn das der Fall ist,
dann kann ich dir sagen,
funktioniert nicht,
denn ich durchschaue es, Tobias.

Und meine Empörung ist keine Eifersucht,
sondern meine Empörung ist der Ausdruck
von Verrat.

Und das ist eine ganz andere Baustelle,
das solltest du wissen
und begreifen
und es dir hinter die Ohren schreiben.

In diesem Sinne erwarte ich
eine Stellungnahme
und Erklärung.

Loretta

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