Sehen

Dreiundzwanzigster Brief an Tobias

Loretta Baum

Mein lieber Tobias,
ich knie auf dem Balkon
und gieße die Kräuter,
zupfe ein bisschen Unkraut
und genieße die Abendsonne.

Auf einem kleinen Tischchen
liegt das Briefpapier
und wartet darauf,
dass ich es
mit meinen Gedanken fülle.

Anton sitzt im Wohnzimmer
breitbeinig auf der Couch
und ruft zu mir,
Pflanzen brauchen Pflege,
Ehen aber nicht.

Er meint es als Witz,
der Philosophenwitz.
Er glaubt,
dass mich das amüsiert —
tut es auch,
aber auf einer anderen Ebene.

Natürlich brauchen Ehen Pflege,
aber oftmals machen wir es nicht
und wundern uns dann,
dass eine Ehe verkümmert
wie eine Pflanze.

Aber umgekehrt, wenn man etwas pflegt
und es wächst,
kann es auch Angst machen,
denn diese Entwicklung
kann den Rahmen sprengen,
wie eine Pflanze,
die zu groß für einen Topf geworden ist.

Es fing klein an und wird immer größer.
Erst kommen die Wurzeln
durch kleine Öffnungen
und dann sprengen sie das Gefäß.

Und man weiß überhaupt nicht,
wann der Punkt gewesen ist,
wo sich alles verändert hat.

Hätte man die Pflanze stutzen sollen,
zurückschneiden?

Aber Pflanzen werden dadurch
nur noch umso stärker.

Was also tun, wenn Beziehungen wie Pflanzen sind?

Soll man sie gießen,
verkümmern lassen,
beschneiden?

Oder ist es im Endeffekt egal,
weil das Leben sich sowieso
seine Bahn bricht?

Wenn ich mir auf dem Balkon anschaue,
wie viel Leben hier
in den Ritzen wuchert,
das man erst sieht,
wenn man genauer hinschaut,
wird mir klar,
dass das Leben unerbittlich ist.

Es erobert jede Nische.
Es kennt kein Vakuum.

Und ich glaube, so ist es mit Beziehungen auch.
Sie kennen kein Vakuum.

Sie dringen ein, wo immer sie können,
machen sich breit
und lassen uns ratlos zurück,
weil wir nicht wissen,
wie wir damit umgehen sollen.

Weißt du, wie du damit umgehen sollst?

Ja, natürlich, was frage ich.
Ich kenne deine Ambitionen.

Auch wenn ich immer wieder sagen muss,
Tobias,
das wäre nicht gut für uns.

Du wärst die Pflanze,
die in mein Leben eindringt
und alles zersprengen lässt
mit deinem Wurzelwerk.

Ich glaube, ich wäre dafür nicht bereit.

Es grüßt dich deine Loretta.

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