Sehen

Dritter Brief an Tobias

Loretta Baum

So, mein lieber Tobias,
vielen Dank für deine Zeilen
und bevor ich auf sie eingehe,
möchte ich natürlich deinen Wunsch erfüllen
und dir genau beschreiben,
was ich gerade tue,
während ich die Antwort an dich verfasse.

Nun, ich liege in der Badewanne
mit sehr viel Schaum,
ich liebe es,
habe ein paar Kerzen aufgestellt,
um mich in eine die Sinne öffnende Atmosphäre zu versetzen,
und habe das Papier auf ein Brett gelegt,
das ich quer über die Badewanne gelegt habe.

Nun, ich muss dir recht geben
und damit komme ich auf deinen Brief zurück.
Ja, mein Mann ist ein Schurke,
ein Schwein,
ein Tunichtgut
und ich könnte noch tausend andere Worte für ihn erfinden.

Er ist untreu, aber, und das ist die andere Sache,
ich muss dir gestehen,
das ist mir vollkommen gleichgültig.

Das mag vielleicht merkwürdig klingen,
aber wenn ich Schurke sage,
dann meine ich seinen Charakter an sich —
die Untreue selbst berührt mich nicht tiefer.

Man kann es nachvollziehen,
man kann sich darüber wundern,
aber es ist einfach so
und darum habe ich auch keinerlei Bedürfnis,
getröstet zu werden,
auch von dir nicht.

Und wenn es dich vielleicht auch verwundert,
aber deine übertriebene Anteilnahme
ist mir fast peinlicher
als die Untreue meines Mannes.

Eine Ehe ist etwas,
wo man damit rechnen muss,
dass der eine oder andere
den Treueeid bricht.

Das ist etwas, worüber man sich im Klaren sein sollte.

Ich, du, mein Mann,
jeder auf der Welt sollte wissen,
dass das menschlich ist.

Und von daher, ich will nicht sagen,
dass ich ihm verzeihe,
das ist ein anderer Punkt,
aber ich liege hier in der Badewanne
und schreibe dir diese Zeilen
und weine eben nicht.

Das ist der große Unterschied,
mein lieber Tobias.

Es gibt Unglück, welches einen in tosenden Schmerz schickt
und es gibt Unglück,
welches man abschüttelt
und drüberlacht.

Bei mir trifft Letzteres zu.

Und jetzt muss ich aufstehen
und die Badewanne verlassen,
das Wasser wird kalt.

Es grüßt Deine Loretta.

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