Sehen

du hast dich immer so schwer gemacht

Marcel von Reich-Witz

Kommen wir zu einem Gedicht
des Autors Gernot Schwarm,
der in diesen poetischen Zeilen
über seine Beziehung reflektiert.

Ich nehme an, er ist nicht homosexuell,
sondern es wird eine Frau sein,
über die er hier spricht –
vermutlich eine ehemalige Beziehung.

Und er sagt: „Du hast dich so schwer gemacht."
Und man fragt sich,
was meint er damit?

Meint er damit tatsächlich
das Körperliche?
Aber wie kann man sich
körperlich schwer machen?

Also muss er es eher
auf einer psychologischen Ebene
gemeint haben,
dass sie sich schwer gemacht hat.

Also sie hat sich nicht
schwer getan,
sondern sie hat sich
schwer gemacht –
das ist noch etwas anderes.

Und er sagt, dass er es immer geahnt hat,
doch jetzt hat man es ihm gesagt.

Also ein Gefühl, das er schon vorher hatte,
haben ihm jetzt Dritte bestätigt.

Und zwar, dass sie –
also die ehemalige Partnerin –
ihn mit dunklen Gedanken
überzogen hat.

Aber diese dunklen Gedanken
waren eigentlich nie echt.
Sie waren eine Übertreibung,
um zu demonstrieren,
wie einzigartig man ist.

Man geht also in die Negativität hinein,
um zu zeigen,
was für ein toller Mensch
man doch ist.

Und ich glaube, das ist natürlich eine Sache,
die eine Beziehung kaputt macht.

Denn wer möchte schon
in Negativität leben?

Der Autor kommt dann auch
genau zu diesem Schluss,
dass sie ihm damit
nie imponiert hat,
sondern nur die Gefühle zertrümmert.

Und das ist ein hochspannender Punkt,
weil er hier das normale Gedicht verlässt
und eigentlich in eine psychoanalytische Untersuchung
seiner eigenen Beziehung eintaucht,
die er in lyrischen Zeilen verarbeitet.

Von daher könnte man fragen,
an wen sich das Gedicht
eigentlich richtet.

Richtet es sich an uns?
Richtet es sich an ihn selbst?
Richtet es sich an seine ehemalige Partnerin?

Ist es eine Aufarbeitung
für sich selbst,
um damit klarzukommen,
dass er aus einer gescheiterten Beziehung kommt
und eigentlich keine Schuld daran hat?

Das ist ja das, was wir alle wollen.

Wenn wir in einer Beziehung sind
und diese scheitert,
möchten wir ja nicht
dafür verantwortlich sein.

Wir möchten die Schuld
an den Partner weiterreichen.

Von daher wäre es hochinteressant
zu erfahren,
wie die ehemalige Partnerin
die Dinge sieht –
ob sie bejaht,
was er ihr vorwirft,
oder ob es eine ganz andere Sichtweise gibt.

Leider liegt uns kein Gegengedicht vor,
sodass wir über diesen Punkt
nur spekulieren können.

Aber eine Medaille hat ja
immer zwei Seiten,
und wir kennen nur die eine –
auch wenn es angeblich Bestätigungen dafür gibt,
dass seine Sicht nicht ganz unberechtigt ist.

Aber wer nur den Tag kennt,
weiß nicht,
wie die Nacht ist.

Und von daher, mein liebes Publikum,
schauen Sie immer
auf beide Seiten,
auch wenn es sich um
lyrische Zeilen handelt.

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