Sehen
Echo der Vergessenen Schuld
Welches Echo aus Jahrhunderten tobt in mir? Des Öfteren träume ich von Kriegs. Von den letzten Stunden des Dritten Reiches. Manchmal bin ich ein Gefangener, der in einem Vorzimmer wartet. Ich sehe meine Aufpasser, die panisch hin und her rennen. Irgendwie stehe ich im Weg. Bin in Häftlingskleidung. Und ich versuche, nicht aufzufallen. Aber ich kann mich nicht aus dem Staub machen. Überall Geschützdonner und Heckenschützen. Komischerweise pfeifen die Kugel haarscharf an mir vorbei ohne mich zu treffen. Aber die Angst in mir sitzt tief.
Oder ich bin Soldat. Auf einem Himmelfahrtskommando. Schütze Arsch im letzten Glied. Auftrag. Den Gegner aufzuhalten. Und ich weiß, dass ist unmöglich, dabei ist das Ende des Krieges nicht mehr weit. Der komplette Zusammenbruch steht kurz bevor, aber ich drohe in den letzten Minuten des Gemetzels noch zu verrecken. Meist ist es der Zweite Weltkrieg. Aber es sind auch andere Orte und Zeiten mit dabei. Immer alles aufs Messers Schneide und in der Gewissheit, eigentlich keine Chance zu haben, und sich doch ans Leben zu klammern. Doch bevor es zu Tod kommt. Zur Kugel die einem den Schädel zertrümmert oder der Granatsplitter, der einem die Eingeweide rausfetzt, wache ich auf. Mit einem mulmigen Gefühl. Ich schaue mir die Wände an. Und frage mich, was diese erlebt haben. Ob in ihnen die Not und das Elend eingraviert sind. Unsichtbar abgespeichert und vielleicht, wenn der Mond auf das Haus scheint, aktiviert und mir in die Träume graviert. Das sind die Augenblicke, wo ich beginne, an Esoterik zu glauben. Ich, der Atheist. Der lächelt, wenn irgend so ein Öko-Freak mir was von Lebens-Strahlen und Quanten-Heilung erzählen will.
Dann liege ich wach, draußen ist es noch dunkel. Und ich habe Angst einzuschlafen und den Traum weiterzuträumen. Ich versuche an etwas anderes zu denken. Doch die Bilder steigen mir immer wieder in den Kopf vor das innere Auge. Und ich frage mich. Habe ich Schuld auf mich geladen, dass ich so gequält werde als Sühne? Der Gedanke beschäftigt mich, bis ich wegdämmere…