Sehen
Eifersucht
„Heute kam ich nach Hause,
da wollte meine Frau mich
unbedingt küssen.“
Mir wird übel,
als er das sagt,
weil ich mir sofort vorstelle,
wie er sich dick und rund
mit seiner fettleibigen Gattin –
er hatte sie einmal dabei
im Lokal -
auf dem Ehebett wälzt,
wie er mit der Zunge
zwischen ihre Wülste
zum Eingang der Grotte vordringt,
wie ihr Riesenbauch links und rechts
vom Körper runterhängt.
Wie er seinen Steifen
aus der billigen Unterhose holt
und versucht, ihn ihr reinzustecken.
Und wie sie drängt,
beeil dich doch mal,
ich muss noch die Nudeln kochen.
Der Mann ist mein Verehrer,
und das ist gut so.
Er hat immer Komplimente auf Lager.
„Du bist eine schöne Frau“,
„ich mag dich“,
„du bist so intelligent“.
Plattitüden,
über die ich innerlich auch grinse,
die mir aber trotzdem guttun.
Ich würde ihn niemals
in seiner Anbetung stoppen,
aber ich würde ihn auch niemals erhören.
Und das nicht nur,
weil er mir offen gesagt hat,
dass er einen kleinen Schwanz hat.
„Ich habe zu meiner Frau gesagt,
du musst mich nehmen wie ich bin.“
Das mag ja auf seine Frau zutreffen,
aber nicht auf mich.
Außer diesem Makel stört mich
auch sein Geiz.
Ich meine, wenn er schon etwas
von mir will,
dann kann er mir doch wohl
auch öfter mal einen Drink spendieren.
Er hat schon bezahlt
in den zwei Jahren,
die er hinter mir her ist.
Zwei Mal.
Und dann jedes Mal
mit dieser proletarischen Jammeraura
über die Preise.
Im Lokal trinkt er zwei Bier,
immer genau zwei Bier.
Den Rest des Tages vertreibt er sich kostenlos.
Das hat er mir ebenfalls schon gestanden.
Er geht jeden Nachmittag zu Hause los,
er ist Rentner,
und sagt zu seiner Frau,
er gehe spazieren.
Oder in den Botanischen Garten.
Auf einen Weihnachtsmarkt.
In ein kostenloses Konzert im Park.
Je nach Jahreszeit.
Auf jeden Fall aber gibt er dort nichts aus.
Er kauft sich nicht mal einfach so
in der Bäckerei eine Schnitzelsemmel
oder ein Croissant.
Gegessen wird daheim,
hat er mir schon deutlich genug gesagt.
Seine Frau kocht mittags
und dann gibt es noch Kaffee und Kuchen,
bevor er loszieht.
Ins Lokal.
Denn das ist in Wirklichkeit meistens sein Ziel.
Dort versucht er zu baggern.
Es muss doch was gehen,
so nebenbei.
Was ihm vorschwebt,
ist eine Frau,
die alleine lebt,
ihn in ihre Wohnung einlädt,
ihm was kocht.
Und sich zum Nachtisch anbietet.
Natürlich zu einer passenden Uhrzeit.
Denn täglich um 20 Uhr
muss er wieder daheim antanzen.
Übrigens völlig freiwillig,
wie er ebenfalls offen zugibt.
Er hat sich dieses Zeitlimit selbst gesetzt,
um seine Frau ruhig zu halten.
Sie weiß, wann er wiederkommt,
daher kann er in den vier Stunden anstellen,
was er will.
Er will ja so gerne.
Ein Kussversuch seinerseits
nach dem Verlassen des Lokals
ist gescheitert,
das Nebeneinandersitzen mit mir im Lokal
gestaltet sich meist recht öde.
Ich habe ihm gesagt,
Sex interessiert mich nicht mehr.
Ich bin dafür zu alt.
Ich weiß nicht,
ob er es glaubt.
Oder ob er denkt,
es liegt an seinem überdimensionalen Bauch.
Ich weiß nur,
dass er um mich kämpft.
Mit der vollkommen falschen Methode.
Er versucht ununterbrochen,
mich eifersüchtig zu machen.
Nicht nur das mit seiner Frau.
Die X und die Y
die haben ihm ihre Handynummer gegeben
und die Z hat ihn gefragt,
ob er mit ihr auf den Weihnachtsmarkt geht.
Und die A ruft ihn immer wieder an
und will sich mit ihm im Lokal verabreden.
Wenn ich wirklich eifersüchtig wäre,
würde ich ihn mit dem Arsch nicht mehr anschauen.
Aber ich höre mir den ganzen Scheiß an
und denke,
wie kann ein Mann nur so dämlich sein.
Allein dass er an einem Abend
x mal seine Frau erwähnt.
Was sie gesagt hat,
was sie gekocht hat,
was sie am Wochenende vorhaben
und an Silvester.
Wenn ein verheirateter Mann
bei einer potenziellen Affäre
nur ein einziges Mal seine Frau erwähnt,
ist er schon verbrannte Erde.
Das muss doch wohl klar sein.
Mein Verehrer redet sich weiter
um den Verstand.
Neuerding steht er sogar
hin und wieder auf
und geht zu einer anderen,
redet mit ihr eine Weile,
gibt sich von seiner besten Seite,
schaut aber immer wieder,
ob ich es auch sehe.
Ich schaue gnadenlos zu,
wie er sich unmöglich macht.
In der Nachbarkneipe habe ich kürzlich
meinen neuen Liebhaber kennengelernt.
Übrigens mit einem großen Schwanz.
„Kein Wort über andere Frauen“,
habe ich klargestellt.
Er hält sich dran.