Sehen
Ein erstes Mal
„Willst du reinkommen?“
Seine Blicke sind auf ihre großen Brüste fixiert –,
und auf ihre schwarzen, nylonbestrumpften Beine,
die sie auf ihrem Barhocker sitzend,
so locker übereinander gelegt hat.
Ihr kurzer schwarzer Lacklederrock
verbirgt eigentlich nichts mehr.
Sie sitzt auf Antwort wartend,
nur mit einer Hand noch
am geöffneten Fenstergriff
in ihrem „Schaufenster“
der Prostituiertenmeile.
Er ist verblüfft, daß sie so schnell reagiert hat.
Er stand ja höchstens mal
5 Sekunden vor ihrem Fenster
und schaute sie sich an.
Er ist fasziniert von ihrem Anblick,
von ihrem Outfit,
von ihrem Typ.
Ja, es ist genau sein Typ.
So eine Frau – genau so eine! –,
würde er sich gern
als Lebensgefährtin wünschen.
Aber nein, sowas muß hier sitzen,
in einem Schaufenster,
und sich prostituieren!
Wer hätte sowas gedacht.
Er hätte auch nicht gedacht,
als sein Freund ihm geraten hatte,
einmal hier entlang zu gehen –
nur so zur Inspiration –,
daß hier auch solche Frauen sitzen,
die als Frau,
als Freundin in Frage kämen.
Naja, vom Aussehen jedenfalls.
Wer weiß was das für Typen
im richtigen Leben sind.
Jedenfalls war er noch nie
im sogenannten „Rotlichtmilieu“
unterwegs gewesen.
Und daher steht er jetzt
völlig baff vor ihr
und weiß nicht so recht
eine Antwort zu formulieren.
„Ähm… was kostet denn…“ –
„Kommt drauf an was du willst,
auf was du so stehst.“ –
„Ähm… machst du auch… äh…“ –
„Du mußt schon sagen
auf was du so stehst –
Normalverkehr mit oder ohne,
´n schönen Anal, oder was?“ –
„Äh… das Letztere?“ –
„War das jetzt ne Frage,
oder schon dein Wunsch?“ –
„Ähm… ja, ähm, beides,
also, wieviel würde das denn so…“ –
Und sie nennt eine Summe,
bei der er sich sogleich
einverstanden erklärt.
„Dann komm mal rein,
ich mach dir auf –
hier, die Tür, gleich nebenan.
Wie heißt du?“
Während dieser Frage,
zieht sie sich aus,
steht nackt vor ihm;
nur die langen schwarzen Nylons
behält sie an.
– Er sagt, er heiße Volker. –
„Komm Volker, mach dich hier am Waschbecken
etwas frisch,
zieh dich aus
und leg dich dann hierher aufs Bett –,
ja, auf dem großen Tuch.“
Sie setzt sich dicht neben
dem nackten liegenden Volker
und hantiert mit einem Präservativ
an seinem noch nicht genügend
erigiertem Glied herum.
Endlich hat sie es übergestülpt.
Sie beugt sich herunter
und bemüht sich,
eine genügende Erektion
mit ihrem Mund zu erreichen.
Doch Volker liegt auf dem Rücken
und ist von der Situation
völlig überfordert.
Eine solche Frau, von der er im richtigen Leben
nur träumen könnte,
macht hier, mit ihm,
was nicht zu glauben ist.
Sein Gehirn ist mit diesem Gedanken
zu sehr beschäftigt,
als daß er sich konzentrieren könnte,
auf das, was gerade abgeht.
„Volker! Sind deine Wünsche genauso schlapp
wie der hier?
Wollen wir ihn nicht mal hoch kriegen?
Ich könnte das Gummi dazu abziehen
und dann nochmal rangehen,
aber das kostet dann extra.“ –
„Gut“, sagt Volker –
„dann auch extra,
ist in Ordnung.“ –
Und schon ist das Gummi abgezogen
und sie stülpt ihre Lippen
über den noch Schlappen –
der dann doch noch,
so nach und nach hochkommt.
Aber leider auch schlagartig
übersprudelt.
Sie spuckt sogleich
auf´s Bettlaken aus
und giftet ihn an.
Volker versteht die Welt nicht mehr –
vor allem diese Welt nicht.
„Sorry, ich wollte nicht…“
Die Vorstellung war für ihn beendet.
Gezahlt hatte er ja schon,
außer das Extra,
das er ihr jetzt bereitwillig
hinblättert.
Die Abschiedsworte waren karg.
Volker ging weiter seiner Wege,
und wußte nicht so recht
wie ihm geschah.