Sehen

Ein Frühlingstag und eine ganze Frühlingsnacht

Ferdinand Freiherr von der Ferne

Marc Antoine ging gemächlich
den Weg durch die Allee
mit den hundertjährigen Ulmen
auf das große eiserne Gittertor zu.

Die alte Gräfin hatte ihm den Weg
genau beschreiben lassen
und er fand tatsächlich alles genau so vor.

Als er durchs Tor schritt
blendete ihn die Sonnenhelle des Maifrühlings
und der Blütenduft der Pflanzen
berauschte ihn schon im voraus erotisch.

Sein Freund, der dieses seltene Treffen arrangiert hatte,
beschrieb ihm alles akribisch,
was er zu tun und was er zu lassen hat,
wie er sich der Gräfin gegenüber verhalten mußte
und wie genau sein Ziel zu nehmen sei.

Neben der Aussicht der zugesagten „Belohnung“,
die der Gutsverwalter der Gräfin ihm aushändigen würde,
durchdachte Marc Antoine auch den Gesamtpreis,
den er zu entrichten hatte.

Doch zunächst genoß er weiterhin
die angenehme Frühlingsatmosphäre
und den Anblick des Schlosses,
dessen er jetzt ansichtig wurde.

Es war nicht besonders groß,
jedoch so stilvoll und erhaben,
wie er es sich nicht erträumt hätte.

So betrat er klopfenden Herzens
die große steinerne Freitreppe zum Eingang.

Ein Bediensteter öffnete ihm
und geleitete ihn über einen langen Gang,
deren Wände mit alten Porträts
von Männern geschmückt waren,
die er für Vorfahren der Gräfin ansah.

Endlich fand er sich in einen großen Salon geführt,
in den er für eine Weile allein gelassen wurde.

Hier sah er sich von einer Pracht umgeben,
die die Hochblüte des Rokoko ersonnen hat
und für heute wohl als Kitsch angesehen werden dürfte.

Marc Antoine jedoch sah in diesem Ensemble
alten Aristokratenglanzes
nicht nur ein Faible der Gräfin,
sondern es mußte eine Art Lebensphilosophie dahinterstecken,
wenn man derart zu wohnen entschlossen ist.

Ja, und es sich auch leisten kann.

All die reich verzierten Kunst- und Gebrauchsgegenstände,
die Wandauskleidungen,
die Bilder in den verschnörkelten Goldrahmen,
die kostbaren Teppiche –
alles atmete alten stilvollen Luxus in Vollendung.

Eine hohe Flügeltür öffnete sich
und die alte Gräfin erschien.

Sie ging erhabenen Schrittes
Marc Antoine entgegen
und hielt ihm ihre rechte Hand entgegen,
die er mit einer Verbeugung sachte ergriff
und zu küssen andeutete.

Die Gräfin machte an dieser Stelle keinerlei Umstände,
bat ihn, ihr ins Schlafgemach zu folgen
und forderte ihn auf
sich umgehend zu entkleiden.

Marc Antoine wußte sehr wohl
was ihn erwartete,
der Kontrakt war konkret genug abgefaßt,
und so kam er der Aufforderung
der vornehmen Gräfin sogleich nach
und stand in wenigen Augenblicken nackt vor der alten Gräfin.

Diese begutachtete durch ein Lorgnon
Marc Antoine von Kopf bis Fuß,
ließ ihn sich einige Male umdrehen,
zog ihre mit Spitzen besetzten dünnen Handschuhe ab
und betastete seinen Körper.

Ja, sie befühlte ihn auch an intimen Stellen
und zeigte sich sehr zufrieden,
indem sie leicht durch die Zähne
ein langgezogenes „Hm… hervorragend“ hören ließ.

Zuletzt kam sie mit ihrer Nase
seinem Gesicht so nah,
daß er ihren Atem – der durchaus angenehm war –
zu spüren bekam.

Sie begann seinen Atem zu prüfen,
sog seinen Körpergeruch durch ihre Nase ein
und zeigte sich weiterhin sehr angetan von ihm.

Eine Minute später lag er in ihrem riesigen Rokokobett
in Seidendecken und mit Seide bezogenen Kissen
und sah zu,
wie sich die Gräfin lächelnden Angesichtes,
genüßlich vor ihm entkleidete.

An dieser Stelle hätte er allzu gern
seine Augen geschlossen,
jedoch angesichts des Kontraktes
war nicht daran zu denken,
und so blieb ihm nichts anderes übrig,
als diesen in vollem Umfang einzuhalten
und sämtliche Wünsche und Phantasien
die die Gräfin spontan ersann –
andere jedoch von längerer Hand zuvor eingeplant –
zu befriedigen.

Wir gehen hier nicht in einzelne Details ein,
erwähnen aber abschließend,
daß Marc Antoine seiner Aufgabe durchaus gewachsen war,
mit der Einschränkung,
daß einige Wünsche der Gräfin ihn doch allzu sehr mitgenommen hatten,
die er später als eine Art sexuelles Trauma
noch über Jahre mit sich herumtrug.

Wollen wir noch erwähnen,
daß das Alter der Gräfin jenseits der 75 gelegen
und ihr Körper und ihre Haut sich entsprechend ausnahm?

Ja, Marc Antoine war ein tapferer Gesell –
der, während seiner tätlichen Pflichterfüllung bei der Gräfin,
wann immer es ihm möglich erschien,
mit geschlossenen Augen,
allein der „Belohnung“ gedachte.

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