Sehen
ein kleines, künstlerisches Ferkel
Ich habe mich immer geweigert, der Norm zu entsprechen. Den Grund dafür kann ich Ihnen nicht sagen. Aber schon als Kind hatte ich das Gefühl, dass ich anders sein musste als die anderen. Während sie lieber in der Gruppe harmonierten und weiße Schafe waren, wusste ich: Ich bin das schwarze Schaf. Aber es hat mich nicht gestört. Ich habe mich auch nicht darum gedrängelt. Ich war niemand, der auffällt, weil er im Mittelpunkt stehen möchte – das ist noch etwas ganz anderes. Nein, ich wusste einfach, dass ich anders bin. Und ich habe es akzeptiert.
Heute ist es so, dass es mir Spaß macht, in Gedanken Menschen zu beleidigen oder anderen Gedanken nachzuhängen, die manche vielleicht unter Gedankenverbrechen einordnen würden. Aber auch hier gilt: Ich mache es für mich, für meinen eigenen Spaß. Ich muss nicht in die Welt hinausposaunen, wie meine gedanklichen Perversionen aussehen. Ich verstecke sie manchmal in der Kunst. Und da ist es mir ein diebisches Vergnügen, andere aufs Glatteis zu führen, ihnen Perversionen unterzujubeln, während sie eifrig nicken, weil sie gut unterhalten werden.
Weil ich eben beschreiben kann, wie eine Leiche zerstückelt wird, Stück für Stück, aus der Sicht eines Chirurgen. Eines Menschen, der eine Leiche seziert oder sie ausweidet, weil er die Organe an jemand anderen verkauft. Huch, denken die Leute, eine schön schaurige Geschichte. Und sie sind fasziniert, klatschen Beifall, geben Geld aus, um sie zu erwerben – ohne zu wissen, dass ich mich einfach diesen Fantasien hingegeben habe. Ich würde sie niemals in der Realität ausleben, aber in meiner Vorstellung eben doch, Stück für Stück.
Und das Schöne ist: Ich kann es tun, ohne dass jemand entsetzt ist. Denn man erwartet ja von mir als Autor, als Künstler, dass ich die spektakulären Dinge aufschreibe, dass ich reflektiere, was in der Realität existiert oder existieren könnte. Dass ich einfach nur eine durchgeknallte Fantasie habe, ist da zweitrangig. Würde ich Ihnen das so am Frühstückstisch erzählen oder in einem Café, dann wären Sie entsetzt. Aber bei einer Lesung, als Autor, da lauschen Sie andächtig und sind begeistert. Und dabei bin ich einfach nur ein kleines künstlerisches Ferkel.