Sehen

Ein Leben lang mit Vera

Charles Haiku

Es ist jetzt still
in der Wohnung.
Die Kartons stapeln sich
in der Wohnung.
Manche stehen halb offen,
manche sind noch nicht
einmal zugeklebt.
Aber das ist nicht wichtig.
Auch das graue Januarlicht
draußen ist nicht
von Belang.
Wichtig ist etwas anderes.

Vor zwanzig Jahren
habe ich etwas versprochen.
Meiner Vera.
Meiner Braut die
neben mir steht.
Hier in der kleinen Kirche
unweit vom Standesamt.
Wir hatten Glück und konnten
von der standesamtlichen Trauung
gleich hier das Ganze
vor Gott und dem Priester
wiederholen.
Das Versprechen immer bei dir
zu bleiben.
Kein Zögern, keine Nebenabsicht.
Ich meinte jedes Wort.
Sie stand da, schlank und klassisch,
wie aus einem alten Buch
gestiegen.
Eine erste Entscheidung,
obwohl wir uns erst
drei Monate kannten.
Damals war die Bürokratie
noch flott.
Heute müsste man Jahre warten,
nur um anzufragen,
wie lange man noch
auf einen Termin warten darf.

Am Anfang war alles ideal.
Wir redeten nächtelang,
nicht nur über große Themen,
sondern auch über Kleinigkeiten.
Wie sie lachte – leise,
fast sparsam.
Wie sie den Kopf neigte,
wenn sie nachdachte.
Ich dachte, das reicht
für ein Leben.
Irgendwann wurde das Reden kraftlos.
Sätze begannen mit „vielleicht“
oder „wenn du meinst“.
Berührungen wurden seltener,
dann förmlich.
Wir schliefen nebeneinander,
ohne uns zu suchen.
Es fühlte sich zivilisiert an.
Erwachsen.

Vor drei Jahren saß ich
in einer Hotelbar
in einer fremden Stadt.
Beruflich.
Eine Frau kam dazu,
blond, laut lachend,
das Handy nie aus der Hand.
Sie war alles, was Vera
nicht war: grell, oberflächlich,
unübersehbar.
Ich redete mit ihr,
weil sie da war.
Smalltalk mit Tiefgang
oder der Möglichkeit dazu.
Und dann war da ein Moment,
in dem sie mich ansah –
ohne Prüfung, ohne Erwartung –
und ich merkte, dass ich
seit Jahren nicht mehr wirklich
angesehen worden war.
Wir leisteten uns keinen Kuss,
kein Hochkommen mit ins Hotelzimmer
des anderen.
Vielleicht war ich zu feige
oder hatte es verlernt.
Aber dieses eine Gespräch,
zeigte mir, was fehlte:
nicht Sex, nicht Abenteuer,
sondern das Gefühl, dass jemand
mich wirklich meinte.
Danach ging ich zurück zu Vera
und war schon weg.

Die Trennung lief ohne Rosenkrieg.
Anwälte, Aufteilung des Hausrats,
höfliche E-Mails.
Wir sagten „es tut mir leid“,
obwohl keiner von uns litt.
Wir umarmten uns zum Abschied,
kurz, korrekt.
Niemand schrie.
Niemand weinte.
Es war perfekt organisiert.
Deshalb sitze ich jetzt hier
und kann nicht begreifen,
was geschah.

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