Sehen
ein noch ungeschriebenes Lied über das Seufzen
Ich werde ein Lied schreiben über die verborgenen Seufzer. Ein Lied über Berlin. Darüber, wie man in einem Café sitzt, während draußen die Sonne nicht scheint, sondern einem ein strahlendes Grau ins Antlitz blickt. Und man kennt dieses Grau, es ist so öde, und man trinkt einen Schluck von seinem Latte macchiato und seufzt. Man stellt sich vor, man würde in die Sonne fliegen, nach oben – oder auf die Kanarischen Inseln, um dort am Strand spazieren zu gehen. Aber man sitzt hier im tristen Berlin, da kann man nur seufzen.
Man denkt an die Frau, in die man sich die letzten drei Jahre verliebt hatte und die einen hat sitzenlassen, für irgendeinen Typen, der auch nicht viel bedeutender ist als man selbst. Und alles, was man kann, ist, an dieses verdammte Weib zu denken und zu seufzen.
Und gleich wird man hinaus in das Grau gehen, das nun überhaupt nicht mehr strahlt, sondern düster geworden ist, fast schwarz. Denn es beginnt zu regnen, dieser feine Nieselregen, der einem mit einem kalten Windhauch ins Gesicht klatscht, sodass man durchfriert und am liebsten den Wind verprügeln würde. Aber wie soll man das anstellen? Und alles, was einem bleibt, ist zu seufzen.
Man geht durch die U-Bahn, sieht, wie verdreckt die Bahnhöfe sind, wie verdreckt die U-Bahn-Waggons. Man will sich hinsetzen, und dann sieht man die Kotze von irgendeinem Nachtschwärmer oder von einem Obdachlosen. Also macht man einen großen Bogen; die anderen Plätze sind besetzt. Und was kann man tun? Nur seufzen und sich an die Wand lehnen.
Man geht nach Hause, öffnet den Briefkasten und stellt fest, dass die Energiepreise wieder gestiegen sind und man eine kleine Nachzahlung leisten darf – von Geld, das auf dem Konto gar nicht vorhanden ist. Und alles, was man kann, ist zu seufzen.
Und dann, wenn einem bewusst wird, wie viel man an diesem Tag schon geseufzt hat und dass dies kein Ende nehmen wird, sondern man Tag für Tag im selben Trott hängt und auf etwas wirklich Überraschendes lange warten muss, dann kann man eigentlich nur eines: seufzen, ins Bett gehen und hoffen, dass wenigstens die Träume angenehmer sind. Und so seufzt man sich in den Schlaf.