Sehen

Ein Scham-Beispiel

Ferdinand Freiherr von der Ferne

Es gibt ja Menschen,
die sich vor den Namen bestimmter Dinge fürchten.

Ja, regelrecht fürchten,
davor zurückschrecken,
sich fremdschämen –,
wie auch immer.

Ich denke da ganz besonders an Winni aus meiner Klasse in der sechsten.

Ich glaube wir waren damals dreizehn,
und unsere Gruppe – ausschließlich Jungs,
waren schon manchmal recht schräg unterwegs.

Es ging allzu häufig um Sex.

Ja, schon damals kursierte dieses Thema in den Köpfen von pubertierenden 13jährigen.

Wobei die Mädels einen guten Schritt weiter waren als wir.

Aber das ist ein anderes Thema.

Winnni jedenfalls, war der Kandidat,
den wir für gewisse schlüpfrige Spielchen ausgeguckt haben.

Er war der Spezi der sich vor gewissen Wörtern fürchtete.

Er war sowas von schamhaft – klar,
es war sein Elternhaus.

Seine Alten waren sowas von spießig,
konventionell und konservativ – bis zum Abwinken.

Und trocken wie alter Zwieback.

Und die wußten auch immer was sich gehört – und was nicht.

Wenn wir mal wieder was zu lachen haben wollten,
dann brauchten wir dem armen Winni nur in unserer Gruppe ein schmutziges Wort zurufen,
und schon kriegte der eine Bombe im Gesicht,
die feuerrot aufleuchtete.

Es war als hätten wir ihn allein mit dem Wort Fotze physisch beschmutzt.

Und er wehrte ab, er wurde zornig und trotzig
und antwortete mit seiner roten Bombe nur:
„Hört auf,
laßt mich doch einfach in Ruhe!“

Mehr konnte er nicht.

Und das reizte natürlich noch mehr.

Dann kamen erstmal weitere einzelne Wörter,
wie ficken,
oder blasen.

Die haben wir ihm ganz laut direkt an sein Ohr reingerufen.

Und dann kamen auch schon ganze Sätze mit Namen bestimmter Dinge zum Vorschein:

„Winni,
willst du nicht mal mit deinem Pimmel in die Muschi meiner Schwester?“

Oder: „Winni, wie nennt man nochmal das Wort für Geschlechtsverkehr im Straßenjargon? –,
und „Hast du schonmal die Titten deiner Mutti nackig gesehen?“

Naja, der arme Winni fand das gar nicht lustig.

Und immer wieder mußte der arme Kerl hinhalten,
wenn gewisse Wörter genannt sein wollten,
die für Spießer nicht stubenrein waren.

Es machte einfach einen Heidenspaß.

Ja nun, und später,
als Heranwachsender,
habe ich auch noch andere erlebt,
die davor zurückgeschreckt haben,
gewisse Namen für bestimmte Dinge in Gesellschaft zu Gehör zu kriegen.

Die Peinlichkeit war geradezu körperlich spürbar
und bei Personen die ich mochte,
kam von mir sofort ein Mitgefühl für sie auf.

Das war auch immer wieder bei Gertrud der Fall.

Gertrud war ein Mädchen deren Eltern in irgendeiner kirchlichen Vereinigung waren – weder katholisch,
noch evangelisch –,
irgend sowas anderes.

Jedenfalls ist sie sehr streng gehalten worden
und mußte sich sowas von altbacken-altfränkisch-unmodern kleiden,
daß man sich für sie mitschämen konnte.

Wenn Gertrud in unserer Gruppe war
und auch nur ein solches Wort zu hören bekam,
wurde sie glutrot – noch schlimmer als es bei Winni war.

Und wenn es ganz übel war,
hat sie sich niedergeduckt
und ihre Hände vors Gesicht gehalten.

Was wollte ich hiermit eigentlich sagen?

Laßt mich mal nachdenken…
ich komm gleich wieder drauf…

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