Sehen

Ein schöner Tag

Ferdinand Freiherr von der Ferne

Sie ging wie üblich
gegen halb zehn
aus dem Haus,
trat auf die belebte Straße,
und war ein wenig angespannt.

Sie hatte sich heute
einen freien Tag genommen,
wollte endlich
ihre mit sich selbst
vereinbarte Wette eingehen.

Sie trug einen hellen Trenchcoat,
deren Kragen sie aufgestellt hatte,
obwohl es ein milder Maimorgen war.

Ihr Hut war ein Herrenhut
ihres Ex.

Sie war Mitte 30, sah gut aus
und hatte eine gute Figur.

Ihr schulterlanges glattes Haar
wehte leicht
im Rhythmus ihrer Schritte.

Durch ihre dunkle Sonnenbrille
wirkte die vertraute Straße
ein wenig anders,
irgendwie weichgezeichnet –,
aber das konnte auch
von ihrer Aufgeregtheit kommen.

Sie hatte lange nicht mehr
ihre schwarzen lackledernen High Heels getragen
und so mußte sie sich
auf ihren Gang konzentrieren –
damit er so souverän wirkte
wie ihr Vorhaben.

Ihre großen schweren Brüste,
kamen diesem Vorhaben zugute.

Und wohl ebenso ihre blitzblank rasierte Muschi.

Außer den transparent-schwarzen
halterlosen Strümpfen,
trug sie unter dem Trenchcoat nichts.

Sie war kein Stück geschminkt
und in ihrer Gesamterscheinung
wirkte sie eher unscheinbar.

So gingen die Menschen
achtlos an ihr vorbei.

Sie hatte einen Mann mittleren Alters
schon von weitem ins Auge gefaßt,
und da der Gehweg gerade
nahezu menschenleer geworden war,
löste sie beim Näherkommen des Mannes
den Gürtel ihres Trenchcoats
blieb stehen
und öffnete ihn weit,
so daß dem Mann ein Blick gewährt wurde,
den er nicht alle Tage das Glück hatte,
zu bekommen.

So blieb er verdutzt
auch stehen
und wußte nicht
was er tun sollte.

Wohl vergrößerten sich seine Augen
und sein Unterkiefer klappte
ein wenig nach unten,
doch mehr vermochte er nicht.

Im nächsten Augenblick ging sie,
mit geschlossenem Trenchcoat
an ihm vorbei
und knotete den Gürtel fest.

Die Sonne wärmte den hellen Tag,
ihre Stimmung hebte sich.

Als nächstes hatte sie
zwei Jugendliche ins Auge gefaßt
die noch etwa 100 Meter
von ihr entfernt,
auf sie zu kamen –,
und so löste sie schonmal
den Gürtel.

Ein Junge und ein Mädchen –;
vielleicht 16, 17 Jahre alt.

Als sie auf die Distanz
von etwa 3 Metern herangekommen waren,
riß sie wieder den Trenchcoat auf,
blieb stehen
und schaute sich die beiden an,
die natürlich wie gebannt
auf ihren nackten Körper
mit den Strümpfen
und den High Heels glotzten.

„Alter…! Siehst du das auch?“ –,
war alles was von dem jungen Mädchen kommen konnte,
denn schon schloß sich
der Trenchcoat wieder
und ihre Schritte gingen
an den beiden stracks vorbei.

Ihre Stimmung war nun
weiter angewachsen.

Ein schöner Tag!

An einem Kiosk kaufte sie sich
einen Schokoriegel
und aß ihn genüßlich,
als sie einen weiteren
potentiellen Kandidaten erspähte.

Es war ein Uniformierter.

Mit Hut –, ganz in grün,
und mit zahlreichen Orden an der Brust,
identifizierte sie ihn sofort
als ein Mitglied eines Schützenvereins.

Sie wandte wieder das gleiche Verfahren an,
und der Schützenmann
blieb ebenfalls stehen.

Schaute abwechselnd
auf den nackten Frauenkörper
und in ihr Gesicht.

In seinem Gesicht sah sie
einen Mann,
der etwas sah,
was er offenbar niemals
für möglich gehalten hätte.

Eine Art von unbeholfenem Entsetzen
zeichnete sich in seinem Gesicht ab.

Aber dann ging er mit gesenktem Kopf,
den er leicht hin und her bewegte,
weiter seiner Wege.

Jetzt fragte sie sich,
ob es für heute
nicht genug sei.

Doch schon zeigte sich
ein weiterer,
interessanter Aspekt.

Diesmal hatte sie eine ältere Dame,
mit Handtasche und Schirm –
ja, bei dem Sonnenwetter! –
ins Visier genommen,
die leicht nach vorn gebeugt
auf sie zu watschelte.

Aus nur zwei Metern Abstand
klappte ihr Trenchcoat wieder
schlagartig auf –
direkt vor den Augen
der alten Dame.

Die stand wie eine Salzsäule da
und rief:
„Jesus, Maria und Joseph!“
und wandte dann ihr Gesicht
von dem Anblick ab,
als hätte sie den Leibhaftigen gesehen.

– Der Tag war auch weiterhin
noch schön für sie.

Bevor sie wieder unbeschadet
in ihre Wohnung zurückkehrte,
hatte sie noch
den ihr gut bekannten
Bäckermeister Grundmann,
beglückt,
der sie glücklicherweise
mit ihrer Sonnenbrille
nicht erkannte,
und zu guter letzt
noch ihren Zahnarzt.

Den hatte sie leider
nicht gleich erkannt,
da er,
ohne seinen weißen Ärztekittel,
von weitem als x-beliebiger,
gutaussehender Mittvierziger
angesehen werden konnte.

Somit hatte sie ihn sich
herbeigewünscht
und erst im letzten Moment
sein Gesicht erkannt.

Beim Anblick ihrer nackten Herrlichkeiten
schnalzte er nur
mit der Zunge.

Auch er erkannte sie nicht,
blieb auch nur solange stehen,
wie ihr Trenchcoat offen stand.

Und so ging auch er
seiner Wege,
wie all die anderen Menschen
die sie mit ihrem offenen Anblick
erfreut,
oder schockiert hatte.

Zugriffe gesamt: 5