Sehen
Ein Teil von ihm
Er tritt an mein Bett.
Seine über die Ohren reichenden Haare
wackeln vor Dynamik.
Als käme er gerade vom Skifahren.
Knackiger Arsch in Jeans,
dunkelblaues Poloshirt.
„Wir sehen uns gleich im OP“, sagt er.
Ein spezielles Date.
Nackt bin ich schon
unter meinem Klinikhemdchen.
Er wird es mir ausziehen
und nicht nur zu,
sondern in meinen Körper vordringen.
Nach einem tiefen Schnitt
durch mein Oberschenkelfett
wird er mein Fleisch aufklappen
und in mein Innerstes blicken.
So tief ist noch kein attraktiver Mann
in mich vorgedrungen.
Er wird meine Knochen absägen
und durch etwas anderes ersetzen.
Ich liege hingebungsvoll
auf dem Tisch,
auf der Seite,
mit meinem Arsch zu ihm gewandt.
Meine Lieblingsposition.
Das mich hingeben ohne den Täter zu beobachten.
Die Ungewissheit,
wann und wo er beginnen wird,
dieses geilste Niemandsland.
Seine Haremsdamen haben meine Arme nebeneinander
auf Stützen gelegt.
Als Fessel fungiert eine Nadel
in der Ader meiner linken Hand.
Hier wird jetzt der Schlauch
zum Einleiten des Dämmerschlafs angeschlossen.
Den ich freiwillig bekomme.
Das macht es besonders pikant.
Ich habe ja gesagt zur Ohnmacht,
zum absoluten Ausgeliefertsein ,
zur Abgabe aller Kontrolle an ihn,
einen mir bis vor zwei Stunden
völlig Unbekannten.
Blind Date total.
Bis zu dem Moment an meinem Bett
wusste ich nur einen Allerweltsnamen,
Müller Weber Schneider.
Und es gab diese minimale Irritation
beim Aufklärungsgespräch
mit einer jungen blonden Ärztin,
die das Telefon abnahm
und mit jemandem vertraut sprach.
Ja, ok, machen wir, bis dann.
„Das war er“, sagte sie
als sie aufgelegt hatte
und bekam einen rosa Schimmer
auf ihren Wangen.
„Er ist gut“ fügte sie hinzu,
ich könne ihm vertrauen.
Und so war es ja auch.
„Spüren Sie schon etwas?“
fragt die Haremsdame
am Dämmerschlafschalter.
Nein. Ich bin immer noch wach
und mir bewusst,
dass ich einem geilen Kerl
meinen Arsch präsentiere.
Im Aufwachraum steht er wieder
an meinem Bett,
in grüner OP- Kluft
und die Haare unter einem Käppi.
„Sie können die Hüfte sofort belasten“, sagt er
sowas von liebevoll.
„Nehmen Sie die Schmerzmittel,
halten Sie es nicht aus.“
Und: „Ich kann leider nicht noch mal vorbeikommen,
Ich muss morgen nach Berlin.“
Es war eine kurze, intensive Intimität,
die zumindest für mich
niemals enden wird:
In mir trage ich ein Teil von ihm.