Sehen

eine bessere PR

Charles Haiku

Der große Mythos von der sexuellen Befreiung
ist nichts als eine wohlinszenierte Presse-Ente,
erfundene von ein paar gelangweilten Redakteuren,
die Ende der Sechziger dringend eine Story brauchten,
die sich gut verkauft.

Plötzlich war alles möglich, alles erlaubt,
die Pille hatte die Welt gerettet
und jeder Student mit Jesuslatschen und Schlaghose
durfte sich als revolutionärer Vögelheld fühlen.

Die Zeitungen schrieben von freier Liebe,
von Orgien im Kommunen-Keller,
von Frauen, die endlich „Ja“ sagten, statt rot zu werden.

Tolles Märchen.
Nur stimmt es hinten und vorne nicht.

Denn gefickt wird heute genau so,
wie schon vor tausend Jahren im finstersten Mittelalter:
heimlich, hastig,
oft mit schlechtem Gewissen
und noch öfter mit dem quälenden Gefühl,
dass es eigentlich viel zu wenig ist.

Der Unterschied?

Damals kniete man danach vor dem Beichtstuhl
und murmelte lateinische Bußformeln,
heute kniet man vor dem Therapeuten
und murmelt „Kindheitstrauma“ und „toxische Männlichkeit“.

Der Ablasshandel hat nur die Adresse gewechselt.

Die einen schämen sich immer noch,
weil sie glauben, Sex sei etwas Schmutziges,
etwas, das man nur im Dunkeln macht
und danach sofort die Spuren verwischt –
als könnte man die Bettwäsche
genauso desinfizieren wie das Gewissen.

Die anderen bekommen einfach nicht genug,
jagen von Bett zu Bett, von App zu App,
von Swipe zu Swipe,
und wundern sich,
warum die Leere danach immer größer wird.

Beide Gruppen leiden gleichermaßen
unter demselben alten Fluch:
der eine hasst sich für seine Lust,
der andere hasst sich,
weil die Lust nie satt macht.

Die angebliche Befreiung
hat uns nur neue Ketten beschert.

Früher war die Scham religiös verpackt,
heute ist sie psychologisch verbrämt
und kommt mit Selbstoptimierungs-Seminaren daher.

Statt „Sünde“ heißt es jetzt „Grenzverletzung“,
statt Hölle droht die Cancel-Culture.

Das Spiel bleibt dasselbe:
wer zu viel will, ist pervers,
wer zu wenig will, ist verklemmt.

Dazwischen liegt ein schmaler Grat,
auf dem niemand lange balancieren kann.

Und während wir alle brav unsere sexuellen Identitäten deklarieren,
unsere Pronomen pflegen
und unsere Körper mit Filtern und Pillen und Toys pimpen,
bleibt die nackte Wahrheit so alt wie die Menschheit selbst:

Wir vögeln, weil wir müssen.
Weil der Trieb stärker ist als jede Ideologie.

Weil am Ende doch immer nur zwei Körper übrig bleiben,
die sich aneinander reiben, schwitzen
und danach einsam nebeneinander liegen –
genau wie vor tausend Jahren.

Die Revolution hat nie stattgefunden.
Es gab nur eine bessere PR-Abteilung.

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