Sehen

Eine Form der Trauer

Ferdinand Freiherr von der Ferne

Manchmal könnte ich schon verzweifeln,
und manchmal möchte ich schreien.

Manchmal denke ich an uns zurück
und dann wieder,
schließe ich innerlich ab.

Aber das ist nur ein vorübergehendes Ding.
Ich pack das meist
und dann ist es wieder gut.

Dann wiederum – manchmal –,
wenn der Mond immer voller wird,
und die Nacht ist klar,
und du mir erscheinst –;
nicht im Traum,
nein in der Nacht an meinem Bett –;

dann möchte ich weinen
und flüstern:
„Bleib bei mir!“

Ich weiß nicht ob Steine ein Innenleben haben,
aber manchmal kommt es mir so vor.

Ich seh dich oft in einem transparenten Nachthemd
unter dem du nackt bist.

Dann schließe ich die Augen,
weil ich den Anblick
aus übergroßer Sehnsucht
nicht ertrage.

Aber auch das – ist nur ein vorübergehendes Ding.

Manchmal bin ich verzweifelt,
ich weine an solchen Tagen still vor mich hin,
und es ist mir einerlei,
ob mich jemand dabei sieht,
wie ich,
ein Mann –
Tränen vergießt.

Dann, an verregneten Tagen,
passiert es mir oft,
daß ich nach draußen gehe,
in den Garten –
und schreie.

Es sind klagende Schreie,
keine Schreie des Selbstmitleids.

Ich klage nur, wenn ich so schreie.

Selbstmitleid ist mir fremd.

Genauso fremd wie Eifersucht.

Ich kenne nur Liebe,
liebe zu dir,
Liebe die wir gemeinsam hatten,
gemeinsam in Händen hielten
und uns daran berauschten.

Ja, ich kann dich riechen,
ich atme deinen Duft
der mir bis heute vertraut ist.

Ich schließe dann die Augen
und atme ganz tief –
und zugleich steigt dein süßer Duft in meinen Kopf –
breitet sich dort aus
und geht mir zu Herzen.

Auch das – ist nur ein vorübergehendes Ding.Ich bin noch nicht so weit.

Nein, ich werde niemals so weit sein.

Dich nicht mehr zu sehen,
dich nicht mehr zu hören,
nicht mehr zu spüren,
dich nicht mehr in mir zu haben.

Manchmal denke ich,
wir begegnen uns weiterhin täglich zum ersten Mal.

Dein Lächeln spricht mich an
und ich antworte mit meinem Lächeln.

Dann küssen wir uns
wie nur wir zwei es fertigbringen,
und drücken uns –
nackt wie wir sind –
an uns.

Unsere Vereinigung ist die köstlichste Speise
die die Natur hervorbringen kann.

An deinen Körper darf ich nicht immer denken,
und doch denke ich immer dran.

Wie an deinen wachen Geist,
an deinen hellen Verstand,
an deinen Humor
und an deine Güte zu anderen Menschen.

Ich war noch nie verliebt in dich.

Als ich dich das erste Mal sah –
liebte ich dich augenblicklich.

Ja, manchmal wache ich aus einem Traum auf
in dem du gerade gestorben bist –
und,
noch Tränen in den Augen,
wird mir beim Aufwachen bewußt,
daß du –
rein körperlich –
schon so lange tot bist.

Aber sonst, bei allem darüber hinaus –
bist du lebendig.

So lebendig wie bei unserer ersten Begegnung.

I love You!

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