Sehen
Eine Hure ohne Namen
In unserem Dorf galt ich immer als Hure. Ich weiß nicht, wie das Gerücht aufkam, so schlimm war mein Lebenswandel nun wirklich nicht. Ich habe ein paar Mal beim jährlichen Volkstanz mit ein paar Kerlen aus dem Dorf herumgeknutscht. Aber ansonsten war ich ein braves und anständiges Mädchen. Die soziale Kontrolle in einem Dorf ist wirklich ungemein einengend. Und ich glaube, es gibt einige schlechte Menschen, denen es unheimliche Freude bereitet, Lügen über andere zu verbreiten. Ich glaube, das war auch ein Grund, warum ich mein Dorf verlassen habe und in die große Stadt gezogen bin. Freiheit.
Die große Stadt ist das Gegenteil eines Dorfes. Anonym. Niemand interessiert sich für dich. Du kannst tun und lassen, was du willst. Aber das ist natürlich die Kehrseite der Medaille: Man vereinsamt auch schnell. In einem Dorf kann dir das nicht geschehen. Du kennst jeden, jeder kennt dich, und spätestens im Dorfladen kommst du bei einem Kaffee mit jemandem ins Gespräch. In der Stadt kann es passieren, dass du tagelang mit niemandem redest, wenn du nicht auf Arbeit bist.
Nun, da ich ja ohnehin als Hure verschrien war, hatte ich mir schon öfter vorgestellt, eine zu sein. Und weil man solche Gerüchte über mich verbreitet hatte, obwohl sie nicht stimmten, war ich an diesen Gedanken irgendwie schon gewöhnt, und es schockierte mich nicht, als ich mich dann tatsächlich dazu entschloss, meinen Lebensunterhalt damit zu verdienen, indem ich einfach nur die Beine breit mache.
Es ist eine einfache Tätigkeit. Man muss dafür nicht studiert haben. Man braucht keine Berufsausbildung als sexuelle Dienstleisterin. Beine breit, Kerl rauf, ficken, fertig. Mehr ist das nicht. Und es wird gut bezahlt. Von daher war es für mich kein großer Schritt, vom Verleumdetsein in die Wirklichkeit zu wechseln. Ich habe diesen Schritt auch nie bereut.
Es ist bei Weitem nicht so eklig, wie sich die meisten das vorstellen – vor allen Dingen, weil es ja nur ein Mensch ist. Und ein Mensch, ob dick oder dünn, ob jung oder alt, ist eigentlich ein schöner Mensch. Es gibt keine hässlichen Menschen, es gibt nur ungepflegte, aber das ist etwas anderes. Und dann sagt man eben: „Hey, du, geh mal unter die Dusche", und dann geht's auch. Ich mache das jetzt seit zwanzig Jahren, habe viel erlebt und es bis heute nicht bereut.