Sehen
Eine unterschätzte Angelegenheit
Eine der unterschätzten erotischen Praktiken ist das Stöhnen.
Viele haben ja Angst vor dem Stöhnen
oder schämen sich,
sich laut zu äußern,
weil es könnten ja die Nachbarn
oder die Kinder hören
und dementsprechend reagieren.
Von Grinsen, wenn man sich sieht,
bis sonst wohin.
Ja, Sexualität ist etwas höchst Privates
und Intimes
und das Stöhnen,
das ungehemmte,
laute Stöhnen
würde ja diese Intimität durchbrechen,
indem andere in der Wohnung nebenan
oder im Zimmer nebenan
davon Kenntnis nehmen würden.
Und nur die wenigsten sind ja exhibitionistisch veranlagt,
sodass es ihnen Freude bereiten würde
bei dem Gedanken,
dass andere das eigene Stöhnen hören.
Aber Stöhnen ist ein sehr subtiler Erotik-Marker.
Man könnte ihn vielleicht
mit dem Schnurren von Katzen vergleichen,
weil man damit sein tiefstes Wohlbefinden ausdrückt
oder auch die tiefste Ekstase
und man sich auch gegenseitig damit erotisch
und sexuell anfeuern kann.
Viele Paare kommen zum Orgasmus,
weil sie merken,
dass der andere auf das,
was man selber tut,
so abfährt,
dass er sich stöhnend äußert.
Stöhnen ist auch eine Form des Lautäußerns,
das jenseits von Sprache ist.
Oder vielleicht seine eigene Stöhnsprache,
die aber universell ist.
Jeder Mensch versteht es in Japan genauso
wie im brasilianischen Urwald.
Stöhnen ist also sozusagen
die gemeinsame Ursprache des Menschen,
ähnlich dem Wort Mama oder Papa,
das wir in fast allen Sprachen
auf dieser Welt wiederfinden können.
Darum ist es so schade,
dass viele Menschen Angst vor dem Stöhnen haben
oder sich dessen schämen
oder nur leise vor sich hin winseln.
Nein, die Lust muss von innen nach außen transportiert werden.
Sie muss sich befreien,
sie muss in die Welt.
Und dafür ist Stöhnen da,
als Anfeuerung,
als Bestätigung für den Partner
und auch für einen selbst.
Denn nur wer vergisst,
was um sich herum ist,
kann sich in einem wirklich befreienden Orgasmus entladen.