Sehen
eine vergilbte Liebeserklärung
du bist mein Rosenschatz
du bist mein Himmelblau
du bist mein Abendschön
du bist mein Wasserklar
du bist mein Ach-komm-her
du bist mein Fang-die-Katz
du bist mein Haare-rauf
du bist mein nicht-schon-wieder
du bist mein Holterdipolter
du bist mein das habe ich so erwartet, meine Gnädigste!
du bist mein Hasenfurz-im-Schlaf
du bist mein Sozius, am Sonntag auf der Fahrt nach Polen
du bist mein ach-ich-seufze-nur
du bist mein Stirnerunzel
du bist mein jetzt-habe-ich-aber-genug
du bist mein gutes Gewissen in der Not
du bist mein Alltag und mein Urlaub
du bist mein Hoffnungsanker im Sturm des Lebens
du bist mein Platz, der mich im Alter noch wärmt
du bist mein Himmelfahrtskommando in die Zweisamkeit
du bist mein JA-ICH-WILL
Diese Zeilen habe ich
vor zehn Jahren geschrieben.
Ein notwendiger Nachtrag.
Und ich muss sie anschauen
und es ist irgendwie merkwürdig.
Denn es ist ein Gedicht gewesen,
was ich geschrieben hatte,
weil ich dachte,
dass wir tatsächlich einmal
heiraten werden.
Du hattest davon gesprochen,
ich hatte davon gesprochen.
Wir waren uns eigentlich sicher,
dass dies so kommen würde.
Und du fandest den Gedanken daran
hocherotisch.
Wir lagen am Strand,
als wir das erste Mal
darüber gesprochen haben.
Und jetzt sehe ich diese Zeilen
und es ist wie ein vergilbter Brief.
Also es ist eine vergilbte Liebeserklärung.
Denn als es soweit war,
als wir hätten heiraten können,
bist du ausgestiegen.
Hast dir einen anderen Mann geschnappt,
hast gesagt,
du bist verliebt in ihn –
der verheiratet war,
drei Kinder hatte
und der sich niemals scheiden lassen wird.
Du hast zerstört, was du hattest,
um etwas zu bekommen,
was du nie bekommen wirst.
Und das, was ich am merkwürdigsten finde,
ist,
dass unsere Beziehung im Alltag
und auch in der Körperlichkeit selbst
eigentlich nicht erstarrt gewesen ist.
Wir haben uns nicht angeödet.
Wir hatten bis zum Schluss
hochspannende Gespräche
und auch eine innere Verbindung.
Und doch hast du es weggeworfen.
Das ist der Punkt, den ich bis heute nicht verstehe
und auch nicht verwinden kann.
Ich weiß nicht, ob es dabei um mein Ego geht.
Ich glaube, nein.
Ich glaube eher, es geht um den Verrat an sich.
Aber das ist nie wieder ungeschehen zu machen.
Oder wie sagte mal ein großer Dichter –
in freier Abwandlung –:
es ist, wie es ist.