Sehen
Eins-Sein
Beklemmungen. Ich habe Beklemmungen. Da sind so diese äußeren Eindrücke, diese Kraftfelder die negativ für mich sind, die wie Einflüsterungen wirken, und die ich nicht so einfach loswerden kann. Denn diese Einflüsterungen sind bisweilen wahrhaftig und drücken sich konkret aus. Und ich weiß nicht einmal ob das eine Stimme ist die es da von außen wirklich gibt, oder ob es eine innere ist, die mir immer wieder was einflüstert. Aber ich kommuniziere nicht damit, ich tue so, als hätte ich nichts gehört und versuche auch mich nicht auffällig zu verhalten. Dann verschwinden sie meistens wie von selbst – so nach und nach. Ich solle mich in den Spiegel anschauen zum Beispiel. Aber dann, wenn ich dem nachkommen will und schon auf dem Weg zu meinem großen Spiegel bin, in dem man sich ganz betrachten kann, kommt plötzlich die Aufforderung, ich möge mich bitte vorher ausziehen. Also als Frau mittleren Alters hat man nicht mehr so viel Spaß dran sich nackt zu sehen. Meine Haut, die faltig geworden ist, meine Brüste, die zu hängen beginnen und so. Na aber ich bin dem gefolgt, habe getan wie mir geheißen. Und dann stand ich da. Nackt vorm Spiegel. Ich habe mir zunächst nur in die Augen geschaut. Lange. Eine ganze Zeit. Das war eigentlich schön. Es war, als würde ich jemanden erkennen – mehr und mehr. Und dieser Jemand war ich. Allmählig stieg mein Interesse für diese Person. Ich wußte zwar genau wer diese Person ist, nämlich ich, aber es hat eine neue Dimension erhalten. Eine Erkenntnisdimension. Ich kenne mich ja sonst nur als der Mensch der ich im Alltag bin, als die Frau die ich auch privat und für mich persönlich bin. Aber darüber hinaus? Doch was ist dieses „Darüber hinaus“? Gibt es da mehr zu erkennen, mehr kennenzulernen, von dem Menschen, der da jetzt im Spiegel vor mir steht? Dann zwinkerte ich mir zu, und lächelte. Ich fand mich auch gleich sympathischer. Christel, sagte ich mir, ich finde mich schon gut. Na gut, da gäbe dies, da gäbe das, was ich nicht ganz so… Aber dann dachte ich an diese ganze Optimierungsscheiße, die uns andauernd eingeflüstert wird. Von der Werbung, von Ratgebern und sogenannten Gutmenschen, die nur dein Bestes wollen. Nein, ich finde mich ganz gut. Rein körperlich auch. Das hat mich besonders verblüfft. Nach langen Minuten des Anschauens, erst in die Augen, dann auf mein Gesicht und dann von oben bis unten, so alles mal runtergescrollt, eingescannt. Und hey, ich finde meinen Körper echt gut, echt sexy. Für meine 52 Jahre würde mich so mancher gutaussehender Mann zwischen 30 und 60 ganz bestimmt nicht nur attraktiv finden, sondern mir eindeutige Avancen machen. Da bin ich von überzeugt. Ich habe mich sogar auf den Boden gesetzt, bin ganz nah an den Spiegel und habe meine Muschi betrachtet. Die Beine gespreizt und drauf- und reingeschaut. Hat mir gefallen. Dann bin ich aufgestanden und habe meine sogenannten Problemzonen betrachtet. Meine Brüste, die etwas schlaffer geworden sind, meine Schenkel, meinen Po. Doch auch hier: Im Grunde schön. So oder so. Mit 52 habe ich keinen Körper wie mit 25. Aber das war noch nicht alles. Dann kam der interessanteste Teil. Die Innenschau. Kontemplation. Wer bin ich? Christa, wer bist du? Minutenlang mit geöffneten Augen, schaute ich meinen nackten Körper an und fragte mich wer ich bin? Was mich ausmacht. Was sind meine Lebensziele? Haben sie sich geändert? Spüre ich eine Art Bestimmung in mir, der ich nachgehen will? Oder soll. Hm, es tat gut, dieses so lange nackt vor dem Spiegel durchzuführen. So etwas bedenkt man im normalen Alltag überhaupt nicht. Da bedarf es eines besonderen Umstandes. Wie diesem. Zum Ende hin spürte ich eine Ruhe, eine Zufriedenheit, ein Eins-Sein.