Sehen
Einunddreißigster Brief an Tobias
Lieber Tobias,
ich sitze an meinem Frisiertisch
und betrachte
die frisch lackierten
und manikürten Nägel.
Ich komme gerade aus einem vietnamesischen Nagelstudio
und bin ein bisschen aufgebracht
und empört.
Nicht über das, was man mit meinen Fingern gemacht hat,
nein,
da will ich nicht meckern,
die Arbeit wurde sehr professionell erledigt.
Aber halt nur die Arbeit.
Ich trug in meinem Ohr
einen dieser neuen Kopfhörer,
die man sich in das Ohr steckt
und man aber hören kann,
was andere Menschen
in anderen Sprachen so erzählen,
weil es Übersetzer-Kopfhörer sind.
Die vietnamesischen Frauen
haben wahrscheinlich gedacht,
dass ich irgendeine Musik höre
oder vielleicht schwerhörig bin.
Jedenfalls haben sie ungeniert
über mich hergezogen,
über mein Aussehen,
darüber,
dass ich wahrscheinlich arrogant
und eingebildet bin
und ähnliches mehr.
Ich habe nicht offenbart,
dass ich alles mit anhöre,
aber ich war doch ein wenig überrascht
und entsetzt,
was Menschen so erzählen,
wenn sie glauben,
dass man sie nicht versteht.
Nun, was denke ich über dich?
Was denkst du über mich?
Ist es vielleicht auch nur Eitelkeit,
mich kennen zu wollen?
Ist es mein Äußeres,
was dich anzieht,
und nicht meine innere Welt?
Das ist der Punkt, der mich beschäftigt,
seit ich in diesem Nagelstudio
nur auf mein Äußeres reduziert wurde
und man darüber spekuliert hat,
wie ich wohl lebe,
was für ein Mensch ich bin
und nur,
weil man mich anschaut.
Und da musste ich mir die Frage stellen,
ob du nicht vielleicht auch ein Mensch bist,
der genauso denkt und urteilt
und sich nur für die Oberfläche interessiert.
Nein, so möchte ich nicht leben.
Man kann bei Anton sagen,
was man will,
aber diese Form von Eitelkeit pflegt er nicht,
wenngleich er auch ein abscheulicher Mensch sein kann.
Aber er respektiert mich
an einem gewissen Punkt als Mensch
und das ist doch etwas,
was mir sehr wichtig ist
und am Herzen liegt.
Echte Neigung, mein lieber Tobias,
ist mehr als das Schreiben
heißblütiger Briefe.
Ich hoffe, das kannst du verstehen.
Viele haben Ehrgeiz jemanden zu besitzen.
Ich jedoch bin niemandes Besitz.
In diesem Sinne, die Nägel sind trocken
und gut gefeilt
und ich wünsche dir noch einen schönen Tag.
Deine Loretta.