Sehen
Einundfünfzigster Brief an Tobias
Lieber Tobias,
ich sitze wieder zu Hause
und putze die Silberlöffel,
eine Tätigkeit,
die beruhigend ist,
weil man etwas Handfestes
in der Hand hat,
etwas,
woran man sich festhalten kann,
etwas Greifbares.
Nichts, was einem in den Fingern zerrinnt
oder was eine Schimäre wäre
oder ein in der Luft schwebendes Bild,
eine Fata Morgana
in der Wüste.
Nein, Silberlöffel existieren,
haben einen bezifferbaren Wert
und liegen angenehm kühl
in der Hand
und erinnern einen
an die eigene Existenz.
Darüber hinaus haben sie auch
eine praktische Funktion,
denn man kann damit wunderbar
Zucker in den Tee streuen,
umrühren,
gegen das Porzellan schlagen,
um Aufmerksamkeit zu bekommen.
Natürlich auf eine höchst dezente Art
und Weise.
Das alles ist aber mit dir irgendwie
nicht möglich.
So wie ein Löffel eine feste Struktur hat,
kann ich das über dich
nicht sagen.
Du schwörst mir, mich nie wieder sehen zu wollen,
dann kommst du doch
zu dem Termin,
zu dem ich dich eingeladen habe,
obwohl du eigentlich
mir abgesagt hast.
Dann bist du doch da.
Ich sage dir, dass ich verschwinden möchte.
Du beginnst zu leiden,
erweichst mein Herz
und hältst mich davon ab,
zu meiner Cousine zu fahren.
Das ist doch alles keine Struktur.
Das ist doch alles,
was sich permanent ändert.
Nichts, worauf man vertrauen kann.
Nichts von Bestand.
Und du willst mein Liebhaber sein
und kannst noch nicht einmal
deine eigenen Schwüre umsetzen?
Ja, was soll ich denn
von dir halten?
Immerhin schwörst du,
dass du mich liebst.
Aber auch das ist ja wieder
nur ein Schwur,
von dem ich weiß,
dass Schwüre bei dir
nichts bedeuten.
Da sitze ich lieber still
zu Hause
und putze die Löffel
und höre mir an,
was Anton mal wieder
von sich gibt.
Das ist berechenbar,
mein lieber Tobias.
Anton ist für mich eine klar berechenbare Größe.
Und ich brauche als Frau
eine gewisse Sicherheit,
einen Punkt,
an dem ich weiß,
woran ich bin.
Und ich weiß an dir,
woran ich nicht bin.
Bei Anton weiß ich,
dass ich nicht bei ihm dran bin.
Das ist ja das interessante Paradoxe.
Aber ich weiß an Anton,
was ich nicht habe.
Und bei dir weiß ich nicht,
was ich habe.
Und darum bitte ich dich,
gönne mir den Frieden,
dass ich zu meiner Cousine reisen kann.
Es grüßt dich, deine Loretta.