Sehen
Einundsechzigster Brief an Tobias
Mein lieber Tobias,
ich sitze am Frisiertisch
und komme zur Ruhe.
Ich sortiere meinen Schmuck,
ich muss die Ketten entwirren,
ich lege die Ohrringe paarweise,
und dann lässt er mich in Ruhe.
Er ist im Nebenzimmer
und macht sich nichts aus meinem Schmuck.
Es sei denn,
ich repräsentiere
auf irgendeiner philosophischen Veranstaltung
und beeindrucke damit seine Kollegen.
Das ist etwas anderes.
Ansonsten ist Schmuck für ihn Tand.
Aber bei mir ist das etwas anderes.
Ich halte eine Kette hoch,
lasse sie durch die Finger gleiten,
schaue sie mir an.
Und sie haben einen Wert.
Manchmal einen materiellen,
weil es echtes Silber ist
oder reines Gold
oder ein wirklicher Diamant
oder Rubin,
der mich anschaut.
Ja, es gibt auch welche,
die nicht ganz so teuer sind,
aber ein bisschen Geld
muss man schon hinlegen dafür.
Manche sind vielleicht auch nur aus Glas
und du würdest sie als billigen Tand abtun,
aber sie haben trotzdem ihren Wert,
weil damit vielleicht
eine gewisse Emotion verbunden ist.
Eine Erinnerung an vergangene schöne Stunden,
die man zu zweit genossen hat.
Weißt du, und wenn ich mir diesen Schmuck anschaue,
der so schön in meinen Händen glitzert,
dann muss ich auch an uns denken.
Und weißt du, es ist so,
dass in einer Beziehung
eine Spannung da sein muss.
Und das ist ja, was wir haben,
diese Spannung.
Weißt du, ich habe gesehen,
wie das mit Anton und mit mir war.
Es lief gut, wir dachten,
alles ist perfekt
und dann auf einmal,
puff,
war das Feuer aus.
Einfach so, die Spannung nicht mehr vorhanden.
Und wir haben uns gefragt,
woran liegt das?
Er genauso wie ich.
Und ich habe da so meine eigene Theorie.
Es sind die unerfüllten Wünsche.
Es ist das Sehnen.
Und weißt du, solange wie du ein Sehnen hast,
einen unerfüllten Wunsch,
solange ist die Spannung da.
Würde ich dem nachgeben?
Mein Gott,
wie lange würde es dauern,
bis es so wäre wie mit Anton?
Bis wir uns mit leeren Augen anschauen,
in uns selbst
mit den Schultern zucken,
uns abwenden
und irgendwo egal sind.
Und ich weiß nicht,
ob du das möchtest.
Ist das dein innerer Wunsch?
Ist dein innerer Wunsch der,
dass ich dir irgendwann gleichgültig bin?
Wenn das so ist, dann brauchen wir uns
keine weiteren Briefe zu schreiben.
Aber weißt du, es ist ja so,
dass dieses Briefe schreiben
uns ja etwas bedeutet.
Wie viele Briefe haben wir uns denn schon geschrieben?
Unzählige.
Und siehst du, es ist immer noch Feuer da
und es existiert
und so will ich es gerne erhalten.
Ich will nicht, dass du eines Tages aufwachst
und denkst,
ich bin nicht mehr neugierig auf dich.
Also, gib mir noch etwas Zeit
und ich gebe sie dir
und dann werden wir sehen.
Deine Loretta.