Sehen

Einundvierzigster Brief an Tobias

Loretta Baum

Lieber Tobias,

ich sitze gerade bei meiner Nachbarin
auf einen schnellen Kaffee
und ich schreibe auf einer Serviette
meine Gedanken an dich auf.

Meine Nachbarin erzählt mir
von ihrem Alltag
und sie selbst schreibt zwischendurch ebenfalls
an einem Brief.

Sie sieht, was ich tue,
ich sehe, was sie tut,
aber wir beide sprechen genau darüber nicht.

Es ist eine Art Stillhalteabkommen.

Es kann durchaus sein,
dass sie also an einen Mann schreibt,
so wie ich gerade an dich schreibe.

Sie hat in ihrer Ehe ähnliche Probleme
und doch auch wieder andere.

Es ist interessant,
wir sind einerseits in einer vergleichbaren Situation
an einem bestimmten Punkt,
aber wir lösen die Dinge doch anders,
auch wenn wir es scheinbar ähnlich verarbeiten,
indem wir Briefe an Männer schreiben.

Aber es kann ja durchaus sein,
dass dieser Brief an ihren Bruder
oder sagen wir an ihren Vater geht.
Wer weiß das schon.

Ab und zu kreuzen sich unsere Blicke
und wir merken,
dass darin mehr zu lesen ist
als das, was wir uns erzählen.

Und ich bin mir an einem bestimmten Punkt
nicht mehr sicher,
was richtig und was falsch ist.

Und ich habe das Gefühl,
dass es besser wäre,
wenn ich meine Briefe
und auch das Bildnis,
das immer noch unrechtmäßig bei dir liegt,
wenn ich das zurückbekomme.

Mir ist nicht wohl dabei,
wenn die Zeilen an mich weiterhin bei dir liegen.

Es ist ein tiefes, inneres Gefühl,
dass diese Situation für mich nicht zumutbar ist.

Du interpretierst in die Dinge zu viel hinein.
Du änderst dein Verhalten nicht.
Eher im Gegenteil.
Du bestürmst mich.

Du gibst mir die Dinge nicht zurück,
um die ich dich gebeten habe.

Ich könnte einen ganzen Roman schreiben darüber,
was nicht funktioniert,
so wie es funktionieren sollte,
jedenfalls aus meiner Wahrnehmung heraus.

Und du wirst mir doch zugestehen,
dass es schlecht wäre,
wenn ich mit dir in einem Verhältnis wäre,
in dem ich mich nicht wohlfühlte.

Nein.

Ich bitte dich, schick mir die Sachen zurück.

Und am besten, du siehst mich auch nicht mehr.

Oder wenigstens hörst du auf,
mich zu bedrängen.

Mein lieber Tobias,
ich meine es ernst.

Wenn dir etwas an uns liegt,
dann respektiere bitte meine Forderungen
und Erwartungen.

Es grüßt dich, deine Loretta.

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