Sehen
Einundzwanzigster Brief an Tobias
Mein lieber Tobias,
ich sitze hier auf der Couch,
während mein Mann sich daneben im Sessel fläzt,
und wir schauen uns eine Dokumentation an
über das Tierreich und Leben in Afrika.
Am Anfang haben wir uns ein bisschen
über die Lautstärke gestritten.
Vielleicht kennst du so etwas,
wenn der andere unbedingt
die Lautstärke höher schraubt,
weil er behauptet,
er verstehe sonst nichts.
Aber wenn man seine Lautstärke hat,
dann hallt es
durch die gesamte Wohnung.
Jetzt ist es halt etwas lauter,
so wie er es mag.
Ich habe nicht mehr die Kraft,
mich durchzusetzen.
Und nebenbei kommentiert er
das Gesehene lautstark
und meint,
es mir erklären zu müssen.
Schließlich bin ich ja zu dumm,
um zu begreifen,
was der Sprecher im Fernsehen erzählt
und die Bilder selbst bedeuten.
Mein Mann ist von der Fernsehsendung
so eingenommen,
dass er gar nicht mitbekommt,
dass ich hier am Tisch
auf einem kleinen Briefpapier
an dich schreibe.
Und im Moment, muss ich dir gestehen,
ist dieses Schreiben an dich
das Einzige,
was mich irgendwie am Leben hält.
Am Leben halten ist so ein großes Wort.
Natürlich bin ich nicht
selbstmörderisch veranlagt.
Aber es ist ein Punkt von Sinn im Leben,
den ich damit meine.
Es ist eine gewisse Art von Fühlen,
das ich nicht genauer erklären kann.
Und ich weiß auch nicht,
wohin das führt,
wohin sich alles bewegt
oder ob da noch etwas anderes kommt.
Es ist halt nur ein Moment,
in dem ich spüre,
dass ich zu mir selbst finde.
Dafür bin ich dir mehr als dankbar,
weil es ein kleiner Lichtblick ist
in dieser ansonsten doch sehr öden Ehe,
in der ich verstrickt bin
wie ein Insekt
in einem Spinnennetz.
Witzigerweise ist das auch gerade das Bild,
das ich auf dem Fernseher sehe.
Anton erklärt es mir,
breit,
lautstark
und etwas umständlich.
So wie Philosophen halt sind.
Ich nicke
und denke mir meinen Teil.
Ich wünsche dir noch einen schönen Abend
und hoffe,
dass du gut einschläfst.
Deine Loretta.