Sehen

Elfter Brief an Tobias

Loretta Baum

Mein lieber Tobias,
ich stehe gerade im Wohnzimmer
und bügele,
während ich dir diesen Brief schreibe.

Das Bügelbrett steht
auf dem großen Tisch,
das Eisen zischt leise
vor sich hin,
und neben mir türmt sich
ein ganzer Stapel
frisch gewaschener Hemden.

Mein Mann hat seine Sachen
gestern Abend achtlos
über den Stuhl geworfen
und beschwert sich jetzt lautstark,
dass „alles sofort wieder Falten bekommt,
sobald er es anzieht“.

Ich antworte ihm nur
mit einem Seufzer
und bügele weiter.

Werde mein Freund, Tobias.
Mein lieber, treuer Freund –
aber nicht mehr als das.

Ich lobe dein Herz aufrichtig:
es ist beständig,
ehrerbietig
und zu einer tiefen,
respektvollen Zuneigung fähig.

Ein solches Herz ist etwas Seltenes
und Wertvolles.

Es verdient es, eine Frau wirklich glücklich zu machen.

Nur nicht mich.

Wenn es nicht auf Kosten meiner Seelenruhe ginge,
wäre ich entzückt,
dich glücklich zu machen.

Das sage ich ganz offen.

Aber genau das ist der Grund,
warum ich es nicht kann:
Es würde mich etwas kosten.

Mehr, als ich zu geben bereit bin.

Während ich hier die Hemden glätte,
muss ich schmunzeln.

Das Leben ist wie diese Wäsche.
Man bügelt und bügelt,
schafft Ordnung und Glätte –
und doch kommen
im nächsten Augenblick
neue Falten.

Man lernt mit der Zeit,
die kleinen Unvollkommenheiten zu ertragen,
weil das Leben selbst
nie ganz glatt
und makellos bleibt.

Ich biete dir meine Freundschaft an,
weil ich deine Gegenwart
und deine Briefe
nicht ganz verlieren möchte.

Aber ich muss meine Gefühlswelt schützen.

Ich bin eine Frau und nicht so unberührbar,
wie ich vielleicht vorgebe –
und genau das macht mir
ein wenig Angst.

Das letzte Hemd ist gleich fertig.

Die Falten sind verschwunden,
zumindest für den Augenblick.

Doch ich hoffe, dass deine Freundschaft sich nicht
wie diese Falten
in Luft auflöst.

Ich wünsche dir einen ruhigen
und schönen Abend,
mein lieber Tobias.

Deine Loretta

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