Sehen
Empfehlungen einer Katze
Wer eine Katze
oder einen Kater
sein Eigen nennt,
kennt dieses Bild.
Da wird gedöst, in aller Ruhe
aus dem Fenster geschaut,
ein bisschen gefressen,
dann wieder ausgeruht,
ein warmes Plätzchen
aufgesucht
und wieder geschlafen.
Ab und zu wird das Auge
ein bisschen angehoben,
um zu prüfen,
ob noch alles
in Ordnung ist,
und dann wird weiter geschlafen.
Und schaut die Katze
einmal an,
dann ist das
durchdringend,
fast prüfend
könnte man sagen.
Gut, die Jungen sind noch verspielt,
aber wenn sie
ein bisschen älter werden,
sehr ruhig
im Verhalten.
Man liegt auf dem warmen Laptop,
läuft auf die Tastatur,
hinterlässt einen Zeichensalat
auf dem Monitor
und das ganze Verhalten
signalisiert dir,
es eilt doch alles nichts.
Sie reagiert nicht auf Termine,
auf Mails,
auf Deadlines — sowas gibt es
in ihrer Welt nicht.
Sie unterbricht dich höchstens,
wenn du in einem Meeting bist,
dann läuft sie behände
vor die Kamera,
wedelt mit ihrem Schwanz
vor deinem Gesicht.
Die Kollegen sagen ah und oh,
wie süß,
und du musst sie wieder
vom Tisch heben,
nur damit sie
zwei Minuten später
wieder drauf springt.
Wir Menschen hetzen
durch Pendelverkehr,
die E-Mails,
die jeden Tag
bei uns eintrudeln,
erzeugen einen Druck,
der Kalender ist voll gefüllt
mit irgendwelchen wichtigen Terminen
und der Karrieredruck
ist immens.
Selbst wenn wir eine Pause machen,
denken wir
an die nächste Aufgabe.
Das eigentliche Beobachten,
das Verweilen,
das Innehalten,
das kommt bei uns
recht selten vor.
Was könnten wir eigentlich machen?
Wir könnten nicht ans Handy gehen,
sondern uns für einen Moment
wie einen Kater
ans Fenster stellen,
ein bisschen hinausschauen,
in die Sonne blinzeln,
uns ein bisschen strecken
und dehnen
und die Zeit einfach
ein bisschen Zeit sein lassen.
Beständigkeit und Langsamkeit
bedeutet nicht Langeweile,
sondern man bleibt,
wo man ist,
anstatt sich ständig irgendwie
wegzudenken.
Klugheit liegt oft im genauen Beobachten,
sei es,
was ein Vogel draußen tut
oder was gerade
im eigenen Leben passiert.
Das Problem ist, die meisten von uns
schaffen das nicht.
Wir haben Verpflichtungen,
die eine Katze nicht kennt.
Miete, Kinder,
Termine
und trotzdem lohnt es sich,
sich ein bisschen
an diese Katzenhaltung
zu erinnern.
Vielleicht sollten wir
den Kater und die Katze
als unsere heimlichen Lehrer betrachten,
damit wir wieder lernen,
das Leben zu genießen,
anstatt es an uns vorbeirauschen
zu lassen.