Sehen
Endlose Monotonie des Alltags
Morgens um sechs Uhr dreißig
reißt mich der Wecker aus dem Schlaf,
als hätte ich gestern Nacht
nicht schon wieder bis drei
vor der Kaffeemaschine, Bildschirm
und der eigenen Hand gesessen.
Der Schwanz steht wie eine Eins,
aber niemand da, der ihn begrüßt.
Also schnell runtergewürgt,
ab unter die Dusche, kaltes Wasser,
damit wenigstens die Latte abschwillt
und ich in die Hose passe.
Dann die Bahn, voll wie immer,
irgend’ne Tussi drückt mir ihre Arschbacken ins Kreuz,
riecht nach billigem Parfüm und Verzweiflung.
Ich starre auf mein Handy,
scrolle durch Profile von Frauen,
die eh nie antworten,
weil ich nicht groß genug,
nicht reich genug,
nicht lustig genug.
Ankunft Büro.
Der Chef, dieser wandelnde Potenzstörung mit Krawatte,
bellt schon:
„Schoeninger, der Bericht bis zwölf!“
Klar doch, Chef,
ich schreib dir den Scheiß,
während ich mir vorstelle,
wie ich dir deine Sekretärin vor der Nase wegvögle,
nur damit mal was passiert.
Mittags Kantine.
Immer dasselbe Graubrot mit labbrigem Käse.
Neben mir sitzt Kollege Müller,
erzählt zum hundertsten Mal,
wie geil seine Freundin bläst.
Ich nicke, lächle,
denke: Leck mich doch, du Lügner.
Nachmittags Meeting,
PowerPoint-Folien, die keiner braucht,
und ich male mir aus,
wie ich die Praktikantin mit den riesigen Glocken
unter dem ganzen Team auf den Tisch lege,
einfach damit endlich mal Leben in die Bude kommt.
Feierabend.
Wieder Bahn, wieder Arschbacken, wieder Handy.
Zu Hause: Fertigpizza, Netflix, Porno.
Die gleiche Seite wie gestern,
die gleiche Alte, die stöhnt,
als wäre sie echt scharf drauf.
Ich wichse, komme in drei Minuten,
hasse mich vier Minuten, schlafe ein.
Und morgen?
Genau dasselbe.
Wecker, Latte, Dusche, Bahn, Chef, Kantine, Meeting, Pizza, Porno, Schlaf.
Kein Aufstieg, kein Fick, kein Lottogewinn,
kein „Hey, du geiler Hengst, lass uns die Nacht durchmachen“.
Nur diese endlose Schleife
aus Ständer, Frust
und dem Gefühl,
dass das Leben irgendwo links abgebogen ist
und mich vergessen hat.
Manchmal denke ich:
Vielleicht sollte ich einfach aufhören zu atmen,
dann hört der Mist wenigstens auf.
Aber selbst dafür bin ich zu feige.
Also weiter im Kreis,
wie ein Hamster im Rad,
nur dass mein Rad aus unerfüllter Geilheit,
mies bezahlter Arbeit
und dem Wissen besteht,
dass morgen wieder genau derselbe Scheißtag wartet.
Und irgendwo da draußen
laufen die anderen rum,
die es irgendwie hinkriegen,
die morgens mit einem Grinsen aufwachen,
weil neben ihnen eine liegt,
die freiwillig die Beine breit macht.
Ich?
Ich wache mit der Hand am Schwanz auf
und der Gewissheit,
dass sich nichts, aber auch gar nichts ändern wird.
Jeden Tag der gleiche Scheiß.
Und täglich grüßt die Morgenlatte.
Allein.