Sehen

Entleerung

Claudia Carl

Entleerung des Körpers
ist eine bedeutende Angelegenheit
für das Glück.

Man nehme die männliche Spezies,
die bei mangelnder Entleerung
nervös wird.

Natürlich sieht der gesunde Mann
die Sperma-Abspritzung
nicht als Entleerung an,
sondern als Höhepunkt
seiner Geilheit.

Er hat unterwegs ein paar scharfe Weiber gesehen,
und der Pfeil
ist nach oben geschossen.

Er ragt in die Höhe
und möchte irgendwo eindringen.

Mit einer gewissen Aggressivität.
Eroberungslust.

Diese Handlung würde er nie
als Entleerung bezeichnen.

Das klingt einfach zu passiv.
Zu unmännlich.

Aber de facto ist es eine.

Und sie ist ebenso wichtig
für die Lebensgeister
wie die anderen,
meist eher unerotischen Entleerungen.

Die nach einer Maß Bier
auf dem Oktoberfest
oder nach einem Gin Tonic.

Oder als tägliche Morgenroutine
nach einem Kaffee.

Koffein fördert die Verdauung.

Oder eine Zigarette.

Es sind Selbstverständlichkeiten
für jeden Menschen
und jedes Tier,
über die man nicht allzu viele Worte verliert.

Eine gewisse erotische Entleerung
erlebt auch die Frau.

Selbst ohne Erguss.

Eine energetische Entleerung,
eine Auflösung des Staus.

Vor dem Damm bäumt sich Energie auf,
dehnt sich aus
zu einer Kugel,
drückt,
pulsiert,
sucht den kleinen Abfluss,
der sich öffnen lässt,
ganz schmal und dünn
wie ein Strohhalm.

Mit Druck saust die Energie hindurch,
schießt oben heraus
und rieselt in feinem Konfetti
glitzernd herab,
in die Eierstöcke,
prickelndes Feuerwerk,
lässt sich im Unterleib nieder.

Es kann aber eines Tages passieren,
dass Mann oder Frau
wie jeden Morgen ins Bad geht,
und nichts geht.

„Ich kann nicht pinkeln.“

Das ist keine Kleinigkeit.

Es ist ein Warnzeichen,
es kann eine ernsthafte Krankheit bedeuten.

Die Blase Die Prostata.

Wirbelsäulenknochenkrebs.

In Krankenhäusern spricht man daher
sehr offen über das Thema
und Schwestern verteilen großzügig
Entleerungshilfen,
beispielsweise nach Operationen.

Das nicht-entleerte Gefühl
ist kein Tabu.

Unentspannt. Unter Druck.
Aufgedunsen.
Gebremst.
Kraftlos
für die Alltagsbewältigung.

Die Schwester hat Zäpfchen
für vorübergehende Probleme.

Einen Katheder für verschlossene Blasen.

Alle drei Tage kommt er raus,
es kommt nichts raus.

Aber dann.

Ein kleiner Tropfen
bedeutet ein großes Glücksgefühl.

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