Sehen
Epiphanie
Schräg. Ihr rechter Absatz scheint ein weinig schräg nach außen zu verlaufen. Von daher ihre leicht nach rechts tentierende, schräge Gesamtkörpererscheinung. Ich habe sie ja noch nicht von vorn gesehen, und laufe ihr erst seit einigen Minuten hinterher. Warum? So eine weibliche Erscheinung ist mir bisher noch nicht begegnet – vor allem keine, die es geschafft hat, daß ich ihr so einfach nachlaufe. Aber echt jetzt, so eine Figur gibt´s doch nur im Film, nicht in der Wirklichkeit. Und dieses Kleid, dieses blaue. Der Begriff hauteng hat hier voll seine Berechtigung. Das blaue Kleid haftet ihrer Figur am Körper, als sei es damit verwachsen. Und sowas von formvollendet schön! Nein, ich muß ihr noch weiter nach, egal was jetzt dabei rauskommt. Vor allem muß ich sie unbedingt von vorn sehen! Ihre langen gewellten dunklen Haare, trägt sie offen. Ganz passend, keine Frage. Auch erkenne ich deutlich, daß so manche Passanten die ihr begegnen, sie regelrecht anstarren, einige bleiben sogar für einen Augenblick offenen Mundes stehen, bis sie an ihnen vorüber ist. Der Anblick von vorn muß also auch besonders sein. Ich bin froh, daß es noch so früh morgens ist, denn später wird diese Einkaufsstraße weitaus belebter sein, und der Gehweg für Fußgänger wird voll von Menschen sein. Ein Nachlaufen wäre dann nicht ganz so einfach. Halt, jetzt ist sie gestrauchelt. Die hintere Lasche ihres rechten Schuhs hat sich wohl gelöst und diese zieht sie sich gerade wieder über ihre Ferse. Welch eine Pose! Welch ein Bild! Ließe sich dieses fotografieren – nein, besser: in Marmor meißeln! Das wäre etwas für die Nachwelt – für die Ewigkeit. – Weiter! Nein, und dieser Gang von ihr, wie ein Tanz. Und diese, leicht nach rechts neigende Schräglage, die sie beim Gehen beibehält, ist das Quäntchen ganz individueller Schönheit. Warum bleibt sie jetzt stehen? Und hier, vor einem Metzgerladen. Ach je, sie geht hinein. Dann heißt es warten. Warten und gespannt sein, wie sie von vorn ausschaut. Die Glockenschläge von St. Marien. Es muß also genau 9 Uhr sein. – Da, das blaue Kleid erscheint hinter der Glastür – sie muß rauskommen. Und tatsächlich, eine Fleischwurst und ein Brötchen in der Hand, in das sie abwechselnd reinbeißt, steht sie noch einen Moment wie unentschlossen vor der Metzgereingangstür. Aber was ist das? Was soll ich damit? Ein Gesicht… ich hätte nicht gedacht, daß diese Frau eine Brille trägt. Und noch so eine schäbige. Ja, und ihr Gesicht… sie ist nicht gerade häßlich zu nennen, nein, durchaus nicht. Aber eine Schönheit ist es keineswegs. Ein Durchschnittsalltagsgesicht einer jungen Frau. Nicht mehr, nicht weniger. Warum sie dieses formvollendete schöne blaue Kleid trägt – keine Ahnung. Möchte ich auch gar nicht mehr wissen. Sie führt jetzt ihren Weg fort, hat sich wieder in Gang gesetzt. Ich bleibe noch kurz stehen, schaue dieser Erscheinung von hinten nach – und gehe zurück, zu meinem Dienst.