Sehen

Erinnerungen an das Hausaufgabenheft

Sandro Mohn

In den ersten Jahren,
ich weiß nicht wie lange,
ob das bis zur sechsten
oder bis zur siebten Klasse war,
das kann ich nicht mehr sagen,
hatten wir ja ein Hausaufgabenheft,
wo wir reinschreiben mussten,
was wir für Hausaufgaben haben,
und es stand auch drin,
wann welche Unterrichtsstunden stattfinden.

Und in das Hausaufgabenheft
wurde auch eine Beschwerde des Lehrers reingeschrieben,
wenn man irgendwie Mist gebaut hatte.

Sei es, dass man im Unterricht gequatscht hatte
oder man war vorlaut
oder keine Ahnung.

Jedenfalls eine Missbilligung des Lehrers,
aber noch unterhalb eines Tadels.

Und der Lehrer verlangte natürlich immer,
dass mindestens ein Elternteil
so einen Eintrag gesehen hat,
indem die Eltern mit einer Unterschrift
unter den Eintrag des Lehrers quittierten,
dass sie von diesem Eintrag eine Kenntnis hatten.

Nun,
ich war eigentlich ein,
ich denke, recht umgänglicher Schüler,
der den Lehrern das Leben
nicht allzu schwer gemacht hatte.

Aber eines Tages geschah es halt,
dass auch ich irgendetwas gemacht hatte,
wo meine Klassenlehrerin
nicht begeistert gewesen ist
und ich kassierte einen Eintrag
in meinem Hausaufgabenheft.

Ich musste dieses Hausaufgabenheft
immer am Sonntagabend meinem Vater vorlegen,
weil er dort grundsätzlich die gesamte Woche quittierte
und damit auch gesehen hat,
wenn ich also einen Eintrag bekommen habe oder hätte.

Es war mir extrem unangenehm
bei dem Gedanken,
dass mein Vater mit mir schimpfen würde.

Ich fand zum Beispiel das Schimpfen meines Vaters
schlimmer,
als wenn er mir eine Ohrfeige gegeben hätte,
was er, wie ich schon mal erwähnt hatte,
so gut wie nie getan hat,
außer zwei oder dreimal in meinem ganzen Leben.

Aber eine körperliche Züchtigung
von meinem Vater
wäre nie für mich so schlimm gewesen,
wie ein Ausschimpfen.

Und das war nun etwas,
was ich vermeiden wollte.

Aber große Frage,
wenn ich ihm das Hausaufgabenheft vorlege,
dann würde er ja den Eintrag sehen.

Irgendwann bemerkte ich aber,
dass der Eintrag genau so in meinem Hausaufgabenheft ist,
dass ich — das Heft war geklammert —
eine Seite herauslösen könnte
und ihm das Ende der Woche vorlegen könnte
und er könnte unterschreiben
und dann würde ich die Seite wieder einlegen,
weil sich der Eintrag auf der linken Seite befand,
während er auf der rechten Seite unterschrieben hatte.

Mir war etwas unwohl,
als ich meinem Vater das gefälschte Hausaufgabenheft hinlegte,
weil er am Datum hätte erkennen können,
dass es manipuliert worden war.

Allein er unterschrieb,
gab mir das Heft wieder in die Hand
und mir fiel ein Stein vom Herzen.

Ich fügte dann die Seite
mit dem Kommentar meiner Lehrerin wieder ein
und am Montag legte ich es vor.

Sie sah, mein Vater hat es gesehen.

Ich weiß nicht,
ob sie noch etwas gefragt hat,
aber damit war eigentlich die Sache für sie erledigt.

Es war auch nichts Weltbewegendes
und so hatte im Prinzip jeder bekommen,
was er wollte.

Mein Vater ein Heft, das er unterschreibt,
meine Lehrerin eine Unterschrift unter ihren Eintrag
und ich keine Meckerei meines Vaters.

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