Sehen
Erinnerung an die elterliche Wohnung
Die elterliche Wohnung war selbst für die DDR-Zeiten etwas Besonderes,
denn in dem Haus wohnten nur wir.
Es war ein einstöckiges Haus,
also Parterre,
wo eine Werkstatt drin war,
in der nur alle paar Monate mal jemand aufkreuzte,
um dort etwas zu machen.
Und dann gab es die gegenüberliegenden Räume im Erdgeschoss,
die wir aber als Abstellraum nutzten.
Dann gab es den richtigen Keller.
Dann gab es eine zweite Wohnung im Seitenflügel des Hauses,
die wir als Partywohnung benutzten.
Ich glaube, wir haben dafür überhaupt gar keine Miete gezahlt.
Das hat auch niemanden interessiert.
Dann war es das eigentlich schon an Räumlichkeiten.
Und dann gab es natürlich noch den Dachboden,
den man von der Partywohnung aus erreichen konnte.
Und ich habe mich manchmal im Sommer auf den Dachboden begeben
und habe mich dorthin gestellt.
Manchmal bin ich sogar bis aufs Dach geklettert,
das oben mit merkwürdigen, bitumenbeschichteten Papierlagen bedeckt war,
also nur teilweise Ziegel,
aber das Dach war dicht.
Und das Haus war ja sehr alt.
Es wurde ja im 18. Jahrhundert erbaut.
Darum war es auch eigentlich denkmalgeschützt,
bevor es dann trotzdem gesprengt wurde.
Und ich stand dann auf diesem Dachboden.
Es lagen dort auch irgendwelche Sachen rum.
Ein Puppenhaus meiner Schwestern,
mit dem schon lange nicht mehr gespielt wurde.
Und andere Dinge, die man dort mal abgestellt hatte.
Kein Mensch weiß wieso.
Ich hörte die Tauben gurren,
die dort teilweise ihr Versteck hatten
und so ein bisschen den Dachboden auch verdreckt hatten.
Aber ansonsten war es ruhig.
Der Witz ist ja, dass ich im Scheunenviertel wohnte,
oder es ist eigentlich das falsche Scheunenviertel gewesen.
Und es war mitten in Berlin.
Da aber die Mauer zwei Kilometer weiter die Stadt ja in zwei Hälften teilte,
war ich in einem Refugium,
in dem nicht sehr viel Verkehr los war.
Also es war eine Seitenstraße
und im Sommer beispielsweise,
wenn ich dann auf diesem Dachboden stand,
herrschte absolute Ruhe.
Und es war, als wenn die Zeit stehen geblieben wäre,
als wenn sie wirklich eingefroren wäre.
Man sah teilweise auch im Keller alte Plakate aus den 60er Jahren,
so als wenn damals das Leben getobt hat
und mit einem Mal war Schluss.
Also ich habe mich manchmal gefragt,
was waren die Abenteuer,
die dieses Haus erlebt hat,
bevor es in diese DDR-Zeitkühlschrankruhe versetzt wurde.
Anders kann ich das nicht bezeichnen.
Es war ein Zustand,
als wenn die Zeit wirklich eingefroren gewesen wäre.
Gleichzeitig war es aber eben auch ein sehr beruhigendes Gefühl,
weil man merkte,
man kann auf eine gewisse Art und Weise entspannen
und es gibt nichts,
was einen treibt.
Ich bin dann leise,
selbst wenn ich der einzige im Haus war
und mein Vater beispielsweise mit meiner Stiefmutter in den Urlaub gefahren war,
meine Großmutter wohnte ja auf der Straße gegenüber,
ich ging trotzdem mit leisen Schritten über den Dachboden entlang,
weil ich das Gefühl hatte,
dass es sich so gehörte.
Es ist schwer zu beschreiben.
Und dann habe ich diese Stille getankt
und bin dann wieder runter in mein Zimmer gegangen,
nur ein paar Meter entfernt
und doch so,
als wenn ich wieder in der Welt bin.
Ich hätte mich nicht verwundert,
wenn es oben eine Tür gegeben hätte,
durch die man in das Land Narnia gelangt wäre
oder eine ähnliche Fantasywelt.
Das wäre etwas gewesen,
was ich sofort akzeptiert hätte.
So muss man sich diesen Ort vorstellen.