Sehen

Erinnerung an die Stasi

Sandro Mohn

Die Staatssicherheit war eine allgegenwärtige
und gleichzeitig eine mysteriöse Organisation,
die allerdings auf uns Kinder
einen anderen Eindruck machte
als auf die Erwachsenen,
also unsere Eltern
oder unsere Großeltern,
die in den 50er und 60er Jahren
doch eine ganz andere Form
der Repression erlebt hatten,
während wir Kinder doch,
ich sage jetzt mal,
in den 70er Jahren
in einem Umfeld aufwuchsen,
das deutlich milder war
nach dem Mauerbau
und vor allen Dingen
unter Erich Honecker,
als in den Zeiten davor.

Trotzdem war die Staatssicherheit
höchst aktiv
und es war nicht zu spaßen mit ihr,
gleichwohl sie unsichtbarer war
und man scheinbar sein Leben leben konnte,
ohne mit der Stasi irgendwie
in Konflikt zu kommen,
was nicht bedeutete,
dass die Staatssicherheit nicht
im eigenen Leben herumschnüffelte.

Nach der Wende habe ich erfahren,
wie viele Personen
für die Staatssicherheit tätig waren.
Dazu gehörten unter anderem
mein eigener Vater,
der allerdings früh verstorben war,
noch zu DDR-Zeiten,
und Freunde von ihm.

Ich kenne ein Ehepaar,
bei dem Mann und Frau beide
bei der Stasi waren
und sich — wie ich glaube —
gegenseitig bespitzelt haben.
Und das ist doch etwas,
was ich als sehr widerwärtig empfinde.

Familie ist eine heilige Angelegenheit
und da hat ein Geheimdienst
nichts drin verloren.
Aber gut,
so sind Menschen
und jeder strickt sich
seine eigene Entschuldigung.

Das, was ich so komisch
an der ganzen Sache finde,
ist, dass ich früher
in der Wohnung als Kind
immer das Gefühl
und den Verdacht hatte,
abgehört zu werden.

Nachdem ich erfahren hatte,
nach der Wende,
dass mein Vater
bei der Staatssicherheit war
und viele Besuche zu Hause empfing,
kann ich mir sehr gut vorstellen,
dass dort auch entsprechende Abhörgeräte
installiert waren.

Vielleicht mit, vielleicht ohne das Wissen meines Vaters.
Das Haus wurde ja abgerissen,
noch während ich bei der Armee war,
im Jahr der Wende 1989,
um Baufreiheit
für meine ehemalige Schule zu schaffen,
die dort ihre Turnhalle hinbauen wollte.

Und das ist traurig,
denn es war ein denkmalgeschütztes Haus.
Aber wer weiß,
ich glaube,
da gab es irgendwo
ein schlechtes Gewissen der Staatsmacht.

Und ich finde es aber interessant,
dass ich, wie gesagt,
das Gefühl hatte,
abgehört zu werden,
obwohl es gar keinen Grund
für mich als Kind gab,
solche Ideen zu entwickeln.

Aber wer weiß, woher ich diese Intuition habe.
Ich kann es nicht sagen,
ich weiß nur,
dass dieses Gefühl existierte.

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