Sehen

Erinnerung an Kreuzberg

Sandro Mohn

Berlin, November, Kreuzberg,
dritter Hinterhof.

Die Kneipe hieß „Zum durstigen Engel“,
bei uns nur „das Loch“.

Bröckelnder Stuck an den Wänden,
die Toilettentür hing schief
in den Angeln,
und der türkische Wirt trug immer
diese dicke Goldkette,
die beim Zapfen leise klirrte.

Wir saßen in der hintersten Ecke,
wo kaum noch Licht hinkam.

Meine Stiefel lagen quer
über dem Schoß
meiner aktuellen Freundin,
sie kraulte die Wade
durch die nasse Jeans,
und ich trank Astra
direkt aus der Flasche,
kein Glas weit und breit.

Draußen prasselte der Regen
gegen die Scheiben,
drinnen stand ein altes,
verstimmtes Klavier,
auf dem irgendjemand
„As Time Goes By“ spielte,
aber so falsch,
dass es fast schön klang.

Ich war pleite, die Miete seit Wochen überfällig,
die Ex längst in Heidelberg
und nicht mehr erreichbar.

Der Kopf von Sabine,
die ich hier vor ein paar Wochen
kennengelernt hatte,
lag an meiner Schulter,
das Haar roch nach Regen
und kaltem Joint.

Sie flüsterte etwas davon,
dass wir den Kindern später mal
davon erzählen würden.

Sie lachte leise. „Die werden uns
für komplett verrückt erklären.“

Die Kneipe war fast leer.

Nur das Summen der Kühltruhe
und der tropfende Wasserhahn
hinter der Theke
gaben Rhythmus.

Wir tanzten trotzdem,
ohne Musik,
nur so,
eng aneinander,
Hände unter dem Pulli,
Küssen,
bis die Luft knapp wurde.

Dann barfuß durch den Regen
nach Hause,
die Schuhe in der Hand,
weil die Sohlen sowieso durch waren.

Die 28-Quadratmeter-Bude
im vierten Stock,
Heizung kaputt,
Fenster undicht.

Wir fielen nass ins Bett,
die Laken wurden feucht,
aber das war uns egal.

Jahre später sitze ich
in einer ordentlichen Küche,
Kinder lachen im Nebenzimmer,
der Hund schnarcht
unter dem Tisch.

Manchmal denke ich zurück.

Das Loch war arm, laut,
dreckig,
die Farbe blätterte
von den Wänden,
und der Geruch
nach altem Bier
und kaltem Rauch
hing tagelang
in den Klamotten.

Komischerweise vermisse ich
genau diesen Lebensstil.

Nicht die Kälte oder die leere Brieftasche,
sondern dieses Gefühl,
dass alles noch offen war.

Dass man barfuß durch den Regen laufen konnte,
ohne sich Gedanken zu machen,
ob man am nächsten Tag
trockene Socken findet.

Dass man in einer Kneipe saß,
wo niemand fragte,
was man beruflich macht,
weil sowieso alle irgendwie
am Existieren waren.

Das Loch war kein Ort.

Es war eine Zeit.

Eine kurze, nasse,
chaotische Zeit,
in der wir uns vorkamen
wie die Einzigen auf der Welt,
die verstanden,
worum es eigentlich geht.

Und vielleicht hatten wir sogar
recht damit.

Zugriffe gesamt: 752