Sehen

Erinnerung an Manuela

Sandro Mohn

Unsere Abschlussfahrt
in der zehnten Klasse
ging nach Weimar.
Frühjahr muss das gewesen sein,
die Bäume fingen gerade an auszutreiben.

Weimar war eins dieser klassischen Ziele
für DDR-Schulklassen.
Da musste man hin,
da wurde Kultur gemacht.

Wir haben also alles abgeklappert,
was man in Weimar so abklappert.
Theater,
Goethe-Haus,
Schiller-Haus,
die ganzen Stationen.

Ich kann mich heute
an keine einzige Szene
aus dem Theaterstück erinnern,
das wir uns angeschaut haben.

Aber ich weiß noch,
welches Stück wir uns angesehen haben.:
Iphigenie auf Tauris.

Die Erinnerung an das Goethe-Haus
ist auch nur noch vage.
Was hängengeblieben ist,
ist etwas ganz anderes.

Wir waren in einer Jugendherberge untergebracht.
Und wie das so ist
auf Klassenfahrten:
Tagsüber Kultur,
abends das,
was die Lehrer eigentlich nicht wollten.

Also Rumknutschen auf den Zimmern.
Das waren Mehrbettzimmer.
Wir hockten dort
zu acht oder zu zehnt.

Und irgendwann saß Manuela
auf meinem Schoß.

Manuela war zwar in meiner Klasse,
aber ich hatte mich nie groß
um sie gekümmert.
Sie war so eine,
die nicht auffiel.

Schwarze, leicht gelockte Haare,
braune Augen.
Ziemlich schweigsam,
fast maulfaul.

Wenn sie etwas sagte,
dann mit einer leicht rauchigen Stimme,
aber eben sehr selten.

Was mir vorher nie so recht aufgefallen war:
Sie hatte ziemlich große Brüste.
Die trug sie aber halb versteckt
unter weiten Pullovern oder Blusen,
die das kaschierten.

In der Klasse hatte das nie jemand gemerkt,
jedenfalls wurde nie darüber geredet.

Erst auf dieser Fahrt,
auf zweiten Blick merkte ich:
Die ist eigentlich attraktiv.
Nur auf eine stille Art,
die man leicht übersehen konnte.

Im Hintergrund im Zimmer lief Nena.
Das war der Sound dieser Fahrt.

Irgendjemand hatte einen Kassettenrekorder dabei,
und Nena lief rauf und runter.
Das war damals der absolute Hit,
und wenn ich heute zufällig
99 Luftballons höre,
bin ich sofort wieder
in diesem Jugendherbergszimmer.

Wir haben geknutscht.
Mehr eigentlich nicht,
jedenfalls nicht viel mehr.

Aber es war intensiv genug,
dass ich dachte:
Das könnte mehr werden.

Also versuchte ich,
das nach der Fahrt,
in Berlin,
weiterzuführen.
Anrufen,
mal treffen,
solche Sachen.

Sie wollte nicht. Vielleicht war es ihr peinlich.
Mich hat das damals ziemlich getroffen.

Nicht unbedingt, weil ich so verliebt war –
das wäre übertrieben.

Sondern weil ich mich zurückgewiesen fühlte.
Also habe ich es gelassen.

Nicht angerufen, nicht angesprochen.
In der Schule taten wir so,
als wäre nichts gewesen.

Und dann kam, was in solchen Situationen gerne kommt:
Plötzlich wollte sie doch.

Ein paar Wochen später merkte ich,
dass sie meine Nähe suchte.
Kleine Gesten,
ein Blick im Klassenzimmer,
mal ein Anstupsen auf dem Schulhof.

Jetzt hätte es also klappen können.
Aber bei mir war die Luft raus.
Ich hatte keine Lust mehr.

Kurze Zeit später war die Schule zu Ende,
die Klasse zerstreute sich.
Jeder ging seinen Weg –
Lehre,
oder Abitur,
Armee und so weiter.

Manuela habe ich nie wiedergesehen.
Nicht ein einziges Mal.
Kein Klassentreffen,
keine zufällige Begegnung in der Straßenbahn,
nichts.

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