Sehen

Erinnerung an meine Essen-Mäkelei

Sandro Mohn

Eines der großen Probleme
in meinem Leben war
die Auseinandersetzung darüber,
was ich esse
und was ich nicht esse.

Ich weiß, dass ich schon
als kleines Kind
im Kindergarten Probleme hatte,
Obst und Gemüse zu essen.

Während alle anderen
Erdbeeren oder Kirschen
als Nachtisch begeistert aßen,
saß ich davor
und ekelte mich.

Ich weiß noch, ich blieb im Saal
vor meinen Erdbeeren sitzen
und es kostete mich
eine riesige Überwindung,
so eine Erdbeere
in den Mund zu nehmen.

Die Samen im Mund störten mich dabei,
wenn diese so
am Gaumen kitzelten.

Andere Kinder fanden das
vielleicht toll,
ich überhaupt nicht.

Ich habe das schon seitdem ich denken kann.

Alle anderen Kinder lagen schon
im Schlafsaal
und ich, wie gesagt,
saß noch am Tisch.

Das war auch für meine Großmutter
und für meinen Vater
ein steter Quell
des Ärgernisses,
weil ich Zwiebeln aussortierte,
die in den Spaghetti
sich befanden,
die mein Vater machte
oder weil ich mich weigerte,
bei meiner Großmutter
Spinat zu essen
und die mich sorgenvoll anblickte
und sich fragte,
was nur aus mir werden solle.

Ich bekam auch immer Abendbrot
und da wurden mir
Stullen geschmiert.

Ich musste ja um 18.30 Uhr
zu Hause sein
und dann wartete
ein Brettchen oder ein Teller
mit zwei oder drei Stullen
auf mich,
die ich dann
mit einem Saft,
einem Kakao
oder einem Tee
hinunterspülte.

Nun war das so, eine Stulle mit Salami
war innerhalb kürzester Zeit gegessen.

Teewurst, nun ja, hat mich nicht begeistert,
aber konnte ich essen.

Aber zum Beispiel Camembert
überhaupt nicht.

Der klebte an meinen Zähnen
und schmeckte mir
überhaupt nicht.

Das ist auch heute noch so,
dass ich einen Bogen
um solche Käsesorten mache.

Auch dieser Stinkerkäse,
Harzer Roller
und wie sie nicht alle heißen,
ist überhaupt nicht
nach meinem Geschmack.

Ein guter Hartkäse wie Gouda oder Emmentaler,
kein Problem.

Aber diese Schmelzkäse-Varianten
und Weichkäse,
das war widerlich.

Ich habe dann heimlich
diese Sachen,
damit mein Vater es nicht mitbekommt,
nahm ich den Käse
von der Stulle,
aß die Stulle selbst
und entsorgte das Weichkäsezeug
in einer Schublade.

Eines Tages entdeckte mein Vater
in einer dieser Schubladen
die alten vergammelten Käseteile.

Ich war zu doof gewesen,
diese dann am Tag drauf
irgendwie in der Mülltonne
zu entsorgen
auf der Straße.

Das wäre ja kein Problem gewesen.

Irgendwie entdeckte er es also,
weil ich zu faul war,
das ordnungsgemäß zu entsorgen.

Es gab riesigen Krach,
aber ich glaube,
er respektierte dann irgendwann
den Punkt
und ich habe nicht mehr
so viel von diesem verdammten Käse bekommen,
beziehungsweise anderem Brotbelag,
den ich nicht gerne gegessen habe.

Es war dann auch so,
dass ich dann
aufgrund dieses Vorfalls
das Essengeld,
das ich in der Schule
hätte bezahlen sollen,
meiner Großmutter gegeben habe,
die mich dann sehr gerne
nach Schulschluss beköstigt hat.

Damit war das dann offiziell geregelt.

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