Sehen

Erinnerungen an meinen ersten Umzug

Sandro Mohn

Ich bin während der Armee
in meine erste eigene Wohnung gezogen.

Nachdem meine Stiefmutter,
während ich bei der Armee war,
einen Ausreiseantrag geschrieben hatte
und diesen auch genehmigt bekommen hatte,
war es eines Tages so,
dass ich auf Urlaub kommend
in meine elterliche Wohnung fuhr
und im Prinzip nur noch
mein Zimmer mit Möbeln vorgefunden habe.

Also es war noch die Küche da,
das Bad,
das alles konnte ich noch benutzen,
aber die ganzen anderen Zimmer
waren ausgeräumt,
bis auf das Schlafzimmer,
das sie nicht mitgenommen hatte.

Es waren die Möbel dort
von meinem Vater
und das hat sie mir dagelassen.

Es war ein sehr merkwürdiges Gefühl,
in eine halbleere Wohnung zu kommen
und heute träume ich manchmal noch
von diesem Moment,
dass ich in der alten Wohnung bin.

Was natürlich unmöglich ist,
weil kurze Zeit später
sollte sie ja weggesprengt werden
und sie wurde ja auch weggesprengt,
um Baufreiheit zu erzeugen.

Und da ich natürlich noch drin wohnte
und man ja nicht ein Haus wegsprengen kann,
wenn jemand noch drin wohnt,
wurden mir Wohnungen angeboten.

Das war für mich natürlich
eine gewisse Drucksituation
und man bot mir als Erstes
eine Neubauwohnung in Marzahn an,
worüber meine Großmutter
eigentlich sehr erfreut war
und ich aber entsetzt,
weil ich nicht in dieses Neugraugebiet,
und ich betone wirklich Neugraugebiet,
gehen wollte.

Ich habe das also vollkommen abgelehnt
und habe gesagt,
dass ich eine Altbauwohnung möchte.

Ich bekam dann auch tatsächlich
um die Ecke
eine Zwei-Zimmer-Altbauwohnung frisch saniert,
wobei das eine Ostsanierung war.

Das heißt also, man musste beim Wort Sanierung
die Augen schon ein bisschen zudrücken.

ich schaute sie mir dann an
und habe zugesagt.

Nach der Zusage ging es dann relativ schnell
und ich bekam auch von der Armee Urlaub,
um umziehen zu können,
also sprich eine gesamte Woche.

Meine Großmutter hatte mir
sehr stark geholfen,
die ganzen Sachen in meiner Wohnung,
die mir dann gehörten,
zu verpacken
und dann wurde ein staatlich bestellter Umzugsservice engagiert,
der dann die Sachen
aus der alten Wohnung
in die neue Wohnung transportierte.

Ich habe noch abgeschraubt
in der alten Wohnung
die gesamten Messinggriffe,
Türgriffe und so weiter,
weil ich wusste,
dass innerhalb kürzester Zeit
das Haus von Leuten verwüstet werden wird.

Und so war es auch gewesen,
was mich natürlich einerseits
sehr verwundert hat,
denn es muss wirklich Leute gegeben haben,
die wussten,
dass in dieser Wohnung niemand mehr wohnt
und die förmlich eingebrochen sind,
um dann irgendwelche Sachen rauszureißen.

Denn ich bin später nochmal hinein,
denn ich hatte ja noch einen Schlüssel
und hatte mir dann
die mittlerweile leere Wohnung angeschaut
und gesehen,
dass dort fremde Leute gewesen waren,
die ein bisschen herumgewüstet haben.

Heute denke ich mir,
dass das die Staatssicherheit gewesen sein wird,
die eventuell irgendwelche Kabel
und Mikrofone rausgerissen haben wird.

Ich weiß es nicht. Es ist nur eine Vermutung meinerseits.

Jedenfalls war ich dann
in der neuen Wohnung
und es war schon ein bisschen merkwürdig,
obwohl es eine schöne Wohnung war,
war es trotzdem ein bisschen merkwürdig,
in anderen vier Wänden zu sein
und ich sollte dort rund zehn Jahre wohnen,
bevor ich dort auch wieder auszog.

Aber heute noch träume ich
von meiner elterlichen Wohnung
und davon,
dass ich wieder zurückziehe
oder dass dieses Haus nicht weggesprengt,
sondern rekonstruiert
oder neu erbaut worden wäre.

Und daran sieht man,
wie stark doch die Verwurzelung
an meine elterliche Wohnung ist.

Und das, obwohl es Jahrzehnte her ist.

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