Sehen

Erinnerung an Roswitha

Sandro Mohn

Roswitha bin ich
auf einer öffentlichen Party begegnet.

Das muss so ein Jahr
vor meiner Armeezeit gewesen sein,
Anfang der achtziger Jahre.

Die Feier fand im Haus
der jungen Talente statt,
mitten in Berlin.

Dort gab es regelmäßig Veranstaltungen,
zu denen man als Jugendlicher hinging,
um Musik zu hören,
zu tanzen
und natürlich auch,
um jemanden kennenzulernen.

Sie war blond, hatte Locken
und Sommersprossen.

Schlaksig wirkte sie,
ein bisschen linkisch in ihren Bewegungen,
aber genau auf diese Art mochte ich sie.

Ihre kleinen, festen Brüste
fielen mir erst später auf.

Was mir zuerst ins Auge sprang,
war ihre Sprache.

Sie sprach reines Hochdeutsch.
Kein einziges Wort Berliner Schnauze.

Das war in unserer Gegend
ziemlich ungewöhnlich.

Die meisten Mädchen, die ich kannte,
hatten diesen typischen Berliner Tonfall drauf,
dieses Schnoddrige,
Forsche.

Roswitha nicht.

Sie redete, als käme sie direkt aus einem Buch.

Überhaupt hatte sie etwas Verträumtes an sich.

Und sie war prinzipienfest.

Als ich einmal versuchte,
ihr einen Spitznamen zu verpassen –
Rosi oder so etwas in der Art –,
hat sie das strikt abgelehnt.

Sie fand das spießig.

Sie nannte mich ausschließlich
bei meinem Vornamen,
und ich hatte gefälligst genauso
mit ihr umzugehen.

Das war so ein Zug an ihr:
Sie wusste genau,
was sie wollte
und was nicht.

Krankenschwester wollte sie werden.

Daran erinnere ich mich,
weil wir oft darüber geredet haben.

Sie hatte eine klare Vorstellung
von ihrem Leben,
und das fand ich gut.

Ich tickte in diesem Punkt ähnlich.

Allerdings waren meine eigenen Pläne
zu diesem Zeitpunkt ziemlich ausgebremst.

Weil ich ja keinen Bock
auf eine lange Armeezeit hatte,
was mir letztlich das Abi gekostet hatte.

Die Sache mit uns lief
vom Frühling bis in den Sommer hinein.

Kein besonders langer Zeitraum,
aber intensiv genug,
dass er mir im Gedächtnis geblieben ist.

Wir hatten auch unsere Streitereien.

Vor allem über Musik.

Ich war damals total
auf Hard Rock fixiert.

Sie hingegen hörte Romantik,
Synthie-Pop,
dieses ganze weiche Zeug.

Wenn wir zusammen Musik hörten,
gab es immer Diskussionen,
wer jetzt auflegen durfte.

Wir haben uns da nie wirklich geeinigt.

Ich hielt ihren Kram für seicht,
sie meinen für puren Krach.

So lief das eben.

Schüchtern war sie,
und gleichzeitig steckte in ihr diese Neugier.

Vor richtigem Sex hatte sie Angst,
das hat sie mir früh gesagt.

Aber zugänglich war sie durchaus,
wenn es um Zärtlichkeiten ging.

Ihre Nippel zum Beispiel
waren unglaublich empfindlich.

Wenn ich daran knabberte,
wurden sie groß,
steif,
hart.

Das hat sie sehr erregt.

Mehr ließ sie nicht zu,
aber das war für uns beide schon eine Menge.

Einmal hat sie mir von ihrem Bruder erzählt.

Der war bei einem Motorradunfall ums Leben gekommen,
noch bevor ich sie kennenlernte.

Sie kannte ihn eigentlich nur noch von Fotos,
weil das alles schon so lange her war.

Aber diese Leerstelle in ihrer Familie
war spürbar,
wenn sie davon sprach.

Sie hat ihn vermisst,
obwohl sie kaum eigene Erinnerungen an ihn hatte.

Nur das, was die Eltern erzählten.

Und die Bilder an der Wand.

Dann, eines Tages,
war sie plötzlich weg.

Ihr Vater hatte einen Ausreiseantrag gestellt,
und irgendwann ging das dann ziemlich schnell.

Von einem Tag auf den anderen
war sie nicht mehr da.

Kein richtiger Abschied jedenfalls,
an den ich mich erinnern könnte.

Vielleicht wussten sie selbst nicht genau,
wann es losgehen würde.

So ein Ausreiseantrag war ja
keine planbare Sache.

Man wartete und wartete,
und dann hieß es plötzlich:
nächste Woche.

Ich habe nie wieder etwas von ihr gehört.

Später, als es Facebook gab,
habe ich sie mal gesucht.

Aber da war nichts.

Entweder sie hat keinen Account,
oder sie hat geheiratet
und heißt jetzt anders,
oder sie will einfach nicht gefunden werden.

Vielleicht alles drei.

Keine Ahnung.

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